Kultur : Du sollst nicht weinen - Ruzickas Kompositionen beim Berliner DSO mit Fischer-Dieskau

Sybill Mahlke

Die Sprechstimme des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau ist ein sensitives Instrument geblieben. "Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir" - dies ist ein Wort der Hofmannsthal-Figur Elektra, das ins Gedächtnis springt, wenn Töne Fischer-Dieskaus sich gesprochen in eine spezifische Komposition mischen: warme und kalte Töne, resignative und erstaunte.

Im vierten Streichquartett von Peter Ruzicka " ...sich verlierend" haben wir es nämlich mit einem anderen Beitrag Hugo von Hofmannsthals zu tun, dem fiktiven Brief des Lord Chandos an Francis Bacon, der eine Sinn- und Bewusstseinskrise des Dichters ausdenkt. "Und so ist der junge Hofmannsthal doch gestorben", sagt der Germanist Richard Alewyn. Es geht um die Suche nach einer Sprache, die es nicht gibt, eine Befreiung vom Wort. Hofmannsthal gelingt der Widerruf des Verstummens, weil sich ihm die Utopie eines anderen Sprechens erfüllt.

In der Depression des Chandosbriefes aber ist dem Verfasser "völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen", und die skelettierte Fassung des Komponisten Ruzicka spricht durch Auslassung, indem sie stammelt "... .abhanden gekommen". Das Werk versucht in sechs Ansätzen, über Stadien des Sich-Entfernens, des Scheiterns eine innere Dramaturgie zu gewinnen, die voll der Erinnerungen ist. Wenn die Bratsche sich bis zum Hauch eines Klanges zurückzieht, spricht Fischer-Dieskau mit Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit" vom Schweigen der Welt, um musikbedürftig, sehnsüchtig auf Hofmannsthals Selbstentfremdung zu kommen. Schwierigkeit des Dichtens, Schwierigkeit des Komponierens: Textsplitter von Adorno, Schnebel, Celan füllen Leerstellen und lassen ihrerseits Musik ein. Und es bleibt eine Komposition, die mit Ingeborg Bachmann sagt, a cappella: "Du sollst ja nicht weinen." Ruzicka gelingt, sehr leise zumeist, ein erfundenes Gespräch, verwandt dem Chandosbrief, eine Musik am Abgrund, die sich dennoch im Bannkreis der Töne aufhält. "Schweigen" ist, mit Ludwig Wittgenstein, ihr Rest. Und sie gibt zu verstehen, dass sie mit der Bemerkung Hofmannsthals leben kann: "Mir ist alles Private ein Greuel."

Die Wiener Schule grüßt - auch im Weiteren, denn der Abend stimmt ein sehr konzentriertes, dem Orchester und seiner Geschichte vertrautes Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie mit Zwei Stücken für Streichquartett Opus 2 (1925 / 26) von Theodor W. Adorno ein, dem Schüler Alban Bergs. Andreas Lichtschlag, Cellist des fabelhaft harmonierenden Ensembles "QuattroPlus" aus dem Deutschen Symphonie-Orchester, nennt Adornos ehrgeiziges Werk eine "Lesemusik", weil auf engstem Raum, quasi über jeder Note, die verschiedensten Anweisungen stünden. So gilt seiner Bescheidenheit die gegenwärtige Interpretation des 12tönigen Espressivo als ein "Zwischenbericht". Nach dieser vollendeten Hinhaltetaktik kann sich das Quartett getrost dem lyrischen Opus 41, 2 von Robert Schumann zuwenden, in dem es sich ebenfalls als ein Team mit Mut darstellt.

Am 6. Januar 2000 hat Peter Ruzicka das Stück fertiggestellt, das die Uraufführung des Abends bildet: "Tombeau" für Flöte (Altflöte, Bassflöte) und Streichquartett. Auch dieser Titel hat mit Erinnerung zu tun, da der Komponist ihn "ein spätes Echo" seines 1976 vom RSO kreierten Flötenkonzerts nennt. Damit stellt sich das Gedächtnis an den damaligen Soloflötisten Karl-Bernhard Sebon ein, den Rattenfänger mit den ganz speziellen Trillern. Ohne ihm an technischer Raffinesse nachzustehen, ist die heutige Solistin Kornelia Brandkamp stillerer Natur. In den Streicherklängen scheinen Räume zum Stehen zu kommen, während der Flötenpart sich zaubernd durch die Instrumentenfamilie hochhangelt. Das Solo stellt die Frage, ob ein innerer Monolog dem Endzweck der Virtuosität dienen kann.

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