Kultur : Du tanzt es!

„Rhythm is it“ erzählt von der Begegnung der Berliner Philharmoniker mit 239 Schülern

Frederik Hanssen

Das ist der Stoff, aus dem die süßen Multikultiträume bildungsbürgerlicher Gutmenschen sind: Das in Paris uraufgeführte Meisterwerk eines Russen wird in Berlin von einem britischen Maestro dirigiert, vor der Bühne sitzt eines der internationalsten Orchester der Welt, auf der Bühne tanzen 239 Jugendliche. Es geht um das Education-Programm der Berliner Philharmoniker, es geht um den Erstkontakt prolliger Kids aus Problembezirken mit Klassik, es geht um Strawinskys „Le sacre du printemps“. Das riecht nach Sozialkitsch, nach Feigenblatt, nach Baldrian für die Zehlendorfer Seele. Dennoch haben Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch all diese Klippen umschifft und einen Dokumentarfilm gemacht, der nicht die Stars von den Philharmonikern, sondern die Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt. In rasanten Bildern erzählt er von einem sechswöchigen Projekt, das im gemeinsamen Auftritt von Schülern und Profis in der Treptower Arena kulminiert.

Hinter den Interviews und Probenausschnitten, hinter den brillant geschnittenen Tanzsequenzen und wunderschönen Stadtaufnahmen aber baut sich im Laufe der 100 Minuten eine zweite Erzählebene auf: Je mehr der Dirigent Simon Rattle und der Choreograf Royston Maldoom über ihre ästhetischen Erweckungserlebnisse als Jugendliche berichten, je öfter die Lehrer zu Wort kommen, je ehrlicher die Schüler ihre Gefühle offenbaren, desto klarer wird: Beim „Rhythm is it“ geht es auch um den Unterschied zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien, zwischen einem Land, dem die Sozialreformen noch bevorstehen, und einem Land, das Maggie Thatcher schon hinter sich hat.

Wenn Maldoom nebenbei den Satz fallen lässt, „You can change your life in a dance class“, verstehen ihn die Berliner Jugendlichen nicht. Ihr Englisch mag hinreichen, um den Anweisungen des Trainers zu folgen, allein ihre Lebenserfahrung ist eine gänzlich andere als die ihrer britischen Altersgenossen. Wer auf dem Kontinent abstürzt, fällt ins sozialen Netz, wer auf der Insel abstürzt, landet auf der Fresse.

Die 14-jährige Marie hat so ein dumpfes Gefühl: Wenn sie weniger faul wäre, hätte sie durchaus das Zeug, die Realschule zu schaffen, nachher vielleicht sogar einen richtigen Job zu bekommen. Aber es gibt halt keinen, der ihr Druck macht. Da muss schon einer aus Großbritannien kommen, einer wie Royston Maldoom: Wenn der Choreograf nicht locker lässt, bis die Kids sich konzentrieren – nicht nur drei Minuten, wie sie es aus den Medien gewohnt sind, sondern eine volle Doppelstunde –, wenn er den Laientänzern mit gnadenloser Freundlichkeit Disziplin abfordert, dann spürt Marie die lebensverändernde Wirkung des Education-Programms. Sie findet es nämlich völlig okay, herausgefordert zu werden. Zum ersten Mal realisiert sie, wie es sich anfühlt, von der Glotze aufzustehen, Kontakt mit dem eigenen Körper aufzunehmen, zu spüren, wie die Gelenkigkeit mit jedem Schritt wächst, wie Kräfte freigesetzt werden, von denen sie bislang keine Ahnung hatte.

Hier stellt sich die Verknüpfung zwischen den Probenausschnitten der Schüler und den Berliner Philharmonikern her: Wenn Selbstdisziplin in Leidenschaft umschlägt, wird Konzentration zum Vergnügen. Egal, auf welchem Gebiet man sich bewegt. Um klassische Musik geht es in „Rhythm is it“ also nur ganz am Rande. Denn das weltberühmte Orchester fungiert lediglich als Katalysator, der es den Jugendlichen ermöglicht, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Klingt kitschig. Ist aber verdammt wichtig.

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