Dudelstopp und Pipedown : Initiative wendet sich gegen akustische Umweltverschmutzung

Sie wollen den Missbrauch unserer Ohren stoppen und die musikalische Dauerberieselung von der Käsetheke bis zur Dessousabteilung eindämmen. Dudelstopp und Pipedown - zwei Aktionen für eine beschallungsfreie Welt.

Sandra Lukosek
Schutz aller Kinder vor akustischer Reizüberflutung
Schutz aller Kinder vor akustischer ReizüberflutungFoto: dpa

Berlin musiziert pausenlos - in Clubs, Bars, Supermärkten, Ladenpassagen, ja sogar auf den "stillen Örtchen". Anlässlich der ersten Berlin Music Week finden in dieser Woche hunderte Konzerte, Vorträge und Partys statt. Zehntausende Fachteilnehmer und Besucher werden erwartet. Dabei wird der ein oder andere Berliner, der in der Nähe eines Veranstaltungsorts lebt auch unfreiwillig akustisch mit dabei sein. Was die Pop- und Technoliebhaber freuen dürfte - sparen sie sich dadurch schließlich manchen Eintrittspreis - wird für den Teil der Bevölkerung zur Qual, der das Gequengel des Nachwuchses beruhigen muss oder selbst wegen des Lärms nicht schlafen kann.

Aber es gibt auch Berliner, die sich nicht nur des Schlafes wegen gestört fühlen, sondern einfach genug von der unfreiwilligen, den Alltag füllenden musikalischen Bereicherung haben. Sie erheben ihre Stimme in Vereinen und Projekten und kämpfen leise gegen die ungewollten Beats und Rhythmen. Ihr Plädoyer ist eindeutig: Sie wollen im Supermarkt nicht von Shakiras Hüftschwung durch die Regale gehetzt oder von Xavier Naidoo in die Unterwäscheabteilungen der Kaufhäuser begleitet werden. Sie fordern die Einschränkung oder das Verbot kostenlos bereitgestellter Musik im öffentlichen Raum.

Die Plattform ‚moderne 21’ unterstützt die satirische Aktionsreihe „Dudelstopp – Musik ohne Zwang“, die sich gegen aufgedrängte Erzeugnisse der Musikindustrie aufbäumt. Die Anti-Lärm-Aktivisten suchen jedoch nicht die Konfrontation, etwa mit einem Stand bei der Music Week, um auf sich aufmerksam zu machen und ihr Anliegen zu verbreiten. Der Dudelstopper Hartmut Lühr versuchte zwar zweimal auf der Popkomm seine Überzeugungen zu streuen, hält aber nichts von lauten Feldzügen auf Musikmessen. Er findet den Kontakt zu den Künstlern und Konzernen der Branche wichtiger. Die Dudelstopperin Katharina Gebhardt hingegen fordert vor dem Gebäude der Berliner Gema, dass die erhobenen Gebühren eines Tages doch einmal an die Geschädigten weitergeleitet werden sollen und nicht an die Verursacher.

Der deutsche Star-DJ Paul van Dyk gehört seit einem Gespräch mit Lühr zu den Befürwortern des Projekts und bekundet dies, wie viele andere Künstler auf Myspace. Dudelstopp hat dort unter anderem Wir sind Helden, Samy Deluxe, Bela B., Gentleman und Jan Delay als Freunde, Befürworter und damit Unterstützer. Das Problembewusstsein ist also bei den vermeintlichen Erzeugern vorhanden und auch deutsche Persönlichkeiten, wie Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt, Schauspieler Peter Sodann, Dirigent Kurt Masur und Komiker Dieter Hallervorden stehen mit ihren Namen für das Anliegen. Sie sind offizielle Befürworter des Vereins Pipedown – Lautsprecher aus! e.V., der für eine Erweiterung der Lärmschutzgesetzgebung kämpft. Pipedown schrieb sogar eine Petition an die Fraktionen des Deutschen Bundestages.

Unter dem Titel: „Der akustische Raum ist Gemeingut. Er gehört allen!“ fordern sie, „die rechtlichen Bestimmungen zum Schutz der Bürger vor unerwünschter und vermeidbarer Beschallung mit Musikkonserven“ erheblich zu verbessern. Sie berufen sich dabei auf die Linzer Charta, denn die Kulturhauptstadt Europas 2009 ist Vorreiter bei der Eindämmung musikalischer Dauerberieselung. Mit dem Konzept „Hörstadt“ können Linzer Unternehmen und Organisationen, die bewusst auf Hintergrundmusik verzichten, ihre öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten als beschallungsfrei kennzeichnen. Dafür gibt es den Aufkleber „Beschallungsfrei – Zone ohne Hintergrundmusik“. Bevor man sich aber entscheidet, beschallungsfrei zu werden, sollte man darüber nachdenken, wie eine Welt aussehen würde in der Musik nur noch im Einvernehmen aller Anwesenden erklingen darf. Dudelstopp fragt provokativ: „Wollen wir Friedhofsruhe?“

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