Kultur : Dünen aus Beton

Leben im Wohnsilo: Kolja Mensings und Florian Thalhofers interaktiver Dokumentarfilm „13ter Stock“

Lutz Steinbrück

Der Medienkünstler Florian Thalhofer und der Autor Kolja Mensing haben den Sommer 2004 im 13. Stock eines Mietshauses der „Grohner Düne“ verbracht. Hinter dem idyllischen Namen verbergen sich 527 Wohneinheiten für 1500 Menschen nördlich von Bremen. Im Dokumentarfilm „13ter Stock“ der beiden Berliner Künstler berichten Hochhausbewohner über ihr Leben. Es geht um Gewalt, Diebstahl, Alkoholismus, Junkies. Aber auch um gelassene Fröhlichkeit. Das ungewöhnliche an diesem Projekt: Der insgesamt 80-minütige Film ist interaktiv. Der Zuschauer – wohl eher: der User – kann sich per Maus von Ausschnitt zu Ausschnitt klicken. Unter jeder eingespielten Sequenz erscheinen weitere kleinformatige Standbilder. Deren Kurztitel kündigen die Themen der nächsten Szenen an. Jederzeit kann man eine laufende Einstellung unterbrechen und zur nächsten wechseln. Mit einem angewählten Bild verändert sich die Reihenfolge der folgenden Szenen. Dadurch kreiert jeder seine persönliche Version von „13ter Stock“.

Die Software, die das ermöglicht, hat der Medienkünstler Thalhofer selbst entwickelt und „Korsakow-System“ genannt. Im Internet ist sie kostenfrei unter www.thalhofer.com herunterzuladen. Er hat sie während seines Studiums an der Berliner Universität der Künste entwickelt und wurde bereits mehrfach dafür ausgezeichnet. „Das habe ich so nebenbei erfunden, als ich einen interaktiven Dokumentarfilm zum Thema Alkohol gemacht habe“, erzählt er. Nach der gleichnamigen irreversiblen Gehirnschädigung durch Alkoholismus hieß dieser Film „Das Korsakow-Syndrom“.

Die non-lineare Erzählweise, die sich aus dem interaktiven Zugang ergibt, bedeutet für die Jungfilmer zugleich eine besondere Form von Annäherung an die Realität: Sie wollen der Parallelität der Ereignisse gerecht werden. Die Figuren reden in kurzen Sequenzen über Aspekte ihres Lebens. Der fragmentarische Charakter ihrer Aussagen wird durch die interaktive Form betont.

Im Hochhaus koexistieren verschiedene Kulturen im Hochhaus. Irgendwie funktioniert das. Seit die „Grohner Düne“ rund um die Uhr von Videokameras überwacht werde, hätten Drogen- und Gewaltdelikte nachgelassen, erzählt ein Wachmann aus dem nahen Einkaufszentrum.

Bilal, Anfang 30 und Familienvater, erzählt von Schlägereien verfeindeter Gangs. Im Plauderton berichtet er von verlorenen Zähnen, gebrochenen Rippen, Platzwunden. Gewalt kennt er aus dem Elternhaus: „Mein Vater ist richtig streng und handgreiflich. Aber er meint das gut. Das passt zu unserem Lebensstil.“

Der gleichaltrige Jens ist seit mitte zwanzig Frührentner. Der Grund: eine Psychose. Er hat zwanghafte Angst davor, auf die Straße zu gehen, weil ihm etwas zustoßen könnte. Jens lebt von 25 Euro in der Woche.

Seine Nachbarin Frau Witt hat mehr Glück. Sie fühlt sich wohl im Hochhaus und versucht, für Ordnung in den Treppenhäusern zu sorgen. Dass die Kinder „nicht mehr erzogen“ werden und „alles hinschmeißen“, daran habe sie sich gewöhnt. Und nimmt es mit fröhlicher Gelassenheit.

Die Leute, die in 13. Stock zu Wort kommen, werden weder bemitleidet noch als „Asoziale“ abgestempelt. Thalhofer und Mensing kommentieren die Aussagen behutsam.

Auf verschiedenen Festivals fand der interaktive Film ein positives Echo. „Dem Publikum“, sagt Thalhofer, „geht es vor allem um den Inhalt.“ Darüber sei er sehr froh, weil er im Kontext der Medienkunst seit sieben Jahren vor allem über die technische Umsetzung seiner Projekte referiert habe. Eine Ausnahme gab es kürzlich in Krakau, wo Kolja Mensing „13ter Stock“ im Goethe-Institut vorstellte: „Hier in Polen waren die Leute besonders an der Form interessiert. Vielleicht liegt es daran, dass sowohl die Literatur als auch der Film sich in eingefahrenen Bahnen bewegen und man sich darum von einem neuen Medium und einer neuen Form des Erzählens viel verspricht.“

Die DVD „13ter Stock“ von Kolja Mensing und Florian Thalhofer ist im Berliner Verbrecher Verlag erschienen und kostet 15 Euro (abspielbar auf Mac und PC).

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