Kultur : Dürer durchleuchtet

KATJA HERTIN

Zehn Jahre nach dem Attentat: eine Schau und neue ErkenntnisseVON KATJA HERTINDie Schmerzensmutter Maria zeigt ihre Wunden.Zerfressen ist ihr Madonnengesicht, verätzt sind ihre schmalen Hände, befleckt ihr goldener Nimbus und der blaue Mantel: Am Morgen des 21.April 1988 spritzte ein Geisteskranker in der Münchner Alten Pinakothek Säure auf das Dürer-Bild.Neben der "Schmerzensmutter" zerstörte der Attentäter noch zwei weitere Hauptwerke des Künstlers: eine für den Nürnberger Goldschmied Albrecht Glim um 1500 gemalte Beweinung Christi und die drei Tafeln des von der Familie Paumgartner gestifteten Altars von 1498.Die Flüssigkeit ätzte tiefe Rinnen in die Ölfarbe, zum Teil fraß sie sich bis zum Holzgrund durch, originale Farbsubstanz ging für immer verloren. Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Bilder erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten! Doch vollends abgeschlossen sind die Restaurierungsarbeiten noch nicht.Die weißen Wundmale der "Schmerzensmutter" beanspruchen noch mindestens zwei Jahre lang die intensive Pflege der Restauratoren.Die Zeit der Wiederherstellung der verwüsteten Werke nutzten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, um ihren gesamten Dürer-Bestand - mit 14 Tafeln der weltweit größte - vom hauseigenen Doerner-Institut untersuchen zu lassen.Die Ausstellung "Genau betrachtet - Albrecht Dürer"in der Neuen Pinakothek (bis 14.Juni) präsentiert nun die Gemälde mit den Forschungsergebnissen. Der Blick unter die Oberfläche der Ölgemälde bringt Interessantes zutage: "Dürer war ein ziemlich cleverer Geschäftsmann", so Bruno Heimberg, Direktor des Doerner-Instituts.Seinen Auftraggebern gegenüber begründete der Künstler die hohen Preise für seine Bilder mit dem Einsatz kostbarerFarben.Doch wie die chemische Analyse der Pigmente jetzt zeigt, verwendete Dürer seine Farben sehr rationell.Bis auf das exotische Ultramarin konnte er alle Farben problemlos aus der Apotheke beziehen. Den Künstler Albrecht Dürer entzaubert die indiskrete Tiefenschau der Wissenschaftler indes nicht.Im Gegenteil: Sie beweist eindrucksvoll seine gestalterische Souveränität.Eine Zeitreise in Dürers Werkstatt ermöglicht die neue Technik der digitalen Infrarot-Reflektographie.Das Verfahren macht die unter den Ölfarben verborgenen Unterzeichnungen sichtbar, die Dürer mit Pinsel oder Stift auf die weiß grundierten Holztafeln auftrug, ehe er mit dem Malen begann.Eine Infrarot-Videokamera liefert Teilaufnahmen der Vorzeichnungen, die am Computer zu einem Gesamtbild montiert werden.Als Foto-Negativ ausbelichtet, ergeben sie ein brillantes Schwarzweißbild vom ersten Arbeitsstadium des Gemäldes. Heimberg verspricht sich von der digitalen Infrarot-Technik, die in München erstmals zum Großeinsatz kam, in Zukunft besseren Aufschluß über die Authentizität von Gemälden.Unterzeichnungen zeigen die Handschrift des Künstlers besonders deutlich.Wenn Dürer mit der Arbeit an einer Bildtafel begann, war die Komposition in seinem Kopf bereits in allen Einzelheiten festgelegt.Korrekturen findet man auf den in Originalgröße ausgestellten Unterzeichnungen kaum.Weit klarer als die vollendete Tafel dokumentiert die zeichnerische Vorstufe Dürers Entwicklung als Maler: Während die frühen Unterzeichnungen mit ihren feinen Schraffuren so genau ausgearbeitet sind, daß sie wie Kupferstiche wirken, werden sie mit zunehmendem Alter immer mehr zum funktionalen Mal-Plan - die Skizze zu den monumentalen "Vier Aposteln" (1526) mit ihren sparsamen Strichen ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Eine Sonderstellung unter den untersuchten Tafeln nimmt das bekannteste unter Dürers Werken ein: das Selbstbildnis von 1500, in dem sich der Meister als Christus-Figur stilisiert.Die Unterzeichnung ist so genau, daß sie einer eigenständigen Zeichnung entspricht."Keines der untersuchten Gemälde ist in vergleichbarer Weise vorbereitet", resümieren die Wissenschaftler im Katalog."Korrekturen (...) sind nicht nachweisbar." Offenbar hat Dürer dieses Bild mehr bedeutet als alle anderen.Es sollte perfekt sein.Heimberg ist sich sicher: Wäre das Selbstbildnis damals nicht schon verglast gewesen, hätte der Attentäter es zum Ziel seiner Zerstörungswut gemacht.Die minutiös modellierten Locken, die fein gestrichelten Barthaare, die Struktur des Pelzkragens - ein Alptraum für jeden Restaurator.Schon das Retuschieren der drei anderen Bilder hat Heimberg und Kollegen an den Rand der psychischen Belastbarkeit gebracht: "Die Perfektion der Originalmalerei jagt einem Angst ein.Da kann man ganz verzagt werden."

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