Kultur : Düsseldorfer Theaterpremieren: Der Rest ist Regen

Ulrich Deuter

Man erinnert sich gut an das in sich gekehrte Gesicht der erblindenden jungen Frau, das so unnachahmlich ins Leuchten kam, wenn sie in musikalische Fantasien entführt wurde, in denen dann alle Welt wie in einem Musical tanzte. Es war Björk, die Selma Jezková in Lars von Triers Film "Dancer in the Dark" so überwältigend verkörperte, dass man innerlich schrie, als diese Frau am Ende am Galgen hing. Denn sie, die tschechische Immigrantin und schlecht bezahlte Arbeiterin in den USA, hatte ihren Nachbarn getötet. Nur wir wussten, dass der ihr das Ersparte gestohlen hatte, das für die Augenoperation ihres Sohnes bestimmt war. Für ihn ging sie in den Tod.

"Dancer in the Dark", 2000 in Cannes mit der Goldenen Palme prämiert, war ein Melodram und ein Musical, und nur dieses Hin und Her zwischen Pathetik und Traumleichtigkeit machte den Film stark. Denn seine "Botschaft" war fragwürdig: Selma war eine Frau, die sich opfern wollte. Die nichts zur Aufklärung des Falles beitrug und darum für nichts zu Grunde ging. Selma war ein moralisches und psychologisches Ärgernis - und grub sich doch tief in alle Kinogeherherzen ein. Jetzt hat "Dancer in the Dark" in Düsseldorf ein Zweitleben als Bühnenstück begonnen. Zu solch einem Recycling gehört Mut - oder Kalkül. Weil Filmlockstoff die Zuschauer nur so ins Theater zieht; und weil sich einem artifiziellen Kinokunstwerk und seinen exzellenten Darstellern auf der Bühne nicht so leicht Ebenbürtiges entgegensetzen lässt.

Mut beweist Regisseur Burkhard C. Kosminski wenig. Er, der vor knapp einem Jahr in Dortmund die erste und eine durchaus achtbare Bühnenfassung des Films "Das Fest" von Thomas Vinterberg erfand, ist diesmal so stark von den Vor-Bildern des Films gefangen, dass er zu keinen theatereigenen findet. Selma (Esther Hausmann) trifft zwar - von Live- und Sample-Musik gestützt - die schrägen Stimmlagen der Björk nicht schlecht, ist aber deren Selma in Kleidung und linkischer Körperhaltung derart nah verwandt, dass man das Original zu ihrem Nachteil stets vor Augen behält.

Für die Großaufnahmen, in denen sich im Film stumm die inneren Kämpfe der unglückseligen Frau spiegelten, finden aber weder Hausmann noch ihr Regisseur eine Entsprechung. In Düsseldorf lebt Selma in zeichenhaft nackten Räumen der Bühnentechnik. Und da somit auch Selmas Umgebung, das Sehnsuchtsbild Amerika, das von Trier in den nervös-wilden Farben seiner Videokameras zugleich pries und brach, völlig fehlt, vollzieht sich ihr Leidensweg buchstäblich im leeren Raum. Zwar tanzt ein potentes Ensemble ganz flott. Doch das Musical kommt nicht zum Melodram. Das Drehbuch wird zur Drehbühne verwandelt, der Film teils ratlos, teils nachahmend noch einmal inszeniert: eine Bankrotterklärung des Theaters.

Vielleicht wäre Selma in einem Stück von Jon Fosse besser aufgehoben gewesen, zumindest wäre die verschlossene junge Frau dort nicht an gesprächsbereite Menschen geraten, die sie aus ihrem Dunkel erretten wollten. Solche Menschen gibt es in der polarkreisdüsteren Welt des Norwegers nicht. Und die wenigen, sich wiederholenden Worte, die fallen, kreisen um ein "Nicht": Nichtwissen, Nichtfühlen, Nichttun. Die zweite Premiere der Saison in Düsseldorf: "Er" und "Sie" sind vor den Menschen geflohen, um in dem Haus am Meer ganz allein zu sein: der Mann Mitte 50, die Frau weitaus jünger. "Sie" hat Angst, dass das Haus im Herbst zu dunkel sein wird. "Er" beschwört die Gemeinsamkeit und verbreitet Zuversicht. "Sie" aber ist gewiss, beide würden nicht allein sein dürfen. "Da kommt noch wer" - so der Titel des bereits 1992 geschriebenen Kammerspiels.

Der 1959 geborene Romancier und Dramatiker Jon Fosse ist erst vor etwa einem Jahr mit dem Stück "Der Name" in Deutschland bekannt geworden, das Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne inszenierte, und schon ist er einer der beliebtesten Autoren hierzulande. Dabei haben Fosses Stücke einen unschätzbaren Vorteil: Sie rutschen nicht auf Blut und Sperma aus. In ihnen geht es um zwischenmenschliche Leere. Das ist zeitgemäß, aber es "geht" eigentlich nicht um diese Leere, es umkreist sie. Das Paar am Meer (Michael Abendroth, Myriam Schröder) ist allein, dann kommt tatsächlich noch wer, ein Nachbar, der den beiden das Haus verkauft hat. Ein belangloses Gespräch zwischen diesem und der Frau, doch "Er" wird sofort eifersüchtig. "Sie" bleibt indifferent, ein, zwei Mal kommt der Nachbar wieder, dann nicht mehr, dann ist das Paar wie anfangs für sich. Mehr geschieht nicht.

Der Rest ist Reden, Reden wie Regen, ähnlich wie bei Thomas Bernhard, nur ganz ohne Wut. In Düsseldorf hat Johannes Schütz in dieser deutschsprachigen Erstaufführung die Zufluchtsstätte des Paares wie das Haus vom Nikolaus gewissermaßen nur hingezeichnet. Es besitzt bloß Konturen, keine Wände, sein Inneres ist vollkommen ungeschützt. Jürgen Gosch, der am selben Ort schon Fosses "Der Name" intensiv inszenierte, aber flieht diesmal die Schwere und damit die Geschichte des Paares, beide sprechen in quecksilbrigem Tonfall, das wiederholte phobische "Da kommt noch wer" wirkt zunehmend plapperig-komisch, wie eine Albernheit, nicht wie Ausdruck ihrer Beziehungsleere und Verlustangst. Die Bedrohung liegt nicht innen, der Nachbar (Thomas Dannemann) trägt sie allein: eine verschwiemelte Type, der seine Sätze verschluckt, zugleich schüchtern und aufdringlich, und dem man alles zutraut.

Fühlt "Sie" sich zu ihm hingezogen, und sei es nur, um der Einsamkeit zu entfliehen? Kommt da noch was, wenn der einstundenkurze Blick auf ein langes, trauriges Leben sich geschlossen hat? Die Inszenierung erhellt es nicht. Doppelblindheit in Düsseldorf. Nacht am Rhein.

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