Kultur : Düstere Sonnen

Katrin Wittneven

Die Farben scheinen zu schlingern, wie Benzin in einer Pfütze. Denn die Bilder von Armin Böhm setzen sich aus unendlich vielen Schichten zusammen. Ein Blick auf die Ränder der Leinwände gibt Aufschluss über seine Farbpalette, die von kräftigem Orange und Purpur bis zu zartem Hellgrün reicht. Auf den Bildern selbst zieht das Auge die Schichten zu einem nebelig-trüben, braun-violetten Grundton zusammen, der durch seinen hochglänzenden Firnis einen fast metallischen Effekt bekommt. Einzelne Farben sind nur noch erahnbar. Zu sehen sind Häuser, trostlose Farmen am Ende der Welt unter einer schwefelig-milchigen Sonne. Andere Bilder aus der jüngsten Serie des 1972 in Aachen geborenen und in Berlin lebenden Künstlers zeigen Porträts von Menschen. Manche erinnern an Passbilder und lassen sich aufgrund der Frisuren und Brillen in den fünfziger Jahren verorten, andere Vorlagen stammen offenbar von Polizeifotografen. Doch unabhängig davon, ob die Frauen, Kinder und Männer schüchtern in eine Kamera blicken oder zerschlagene Gesichter haben – keiner von ihnen ist noch am Leben. Sie sind in den einsamen Blockhäusern und Farmen gestorben, die alle Wohnhäuser von Sekten waren, deren Mitglieder ein tragisches Ende genommen haben.

Im ersten Moment scheint das im Untergeschoss der Johnen Galerie untergebrachte Gemälde „Camp“ nicht in diese Serie passen zu wollen, zeigt es doch ein Al-Qaida-Camp von oben und ist soweit abstrahiert, dass es ebenso dem Mikrokosmos wie dem Weltall entstammen könnte. Und doch löst diese farbige, wuchernde Zellstruktur beim Betrachter ein fast noch stärkeres Unwohlsein aus. Schon weil es den Moment einer Explosion und einer Implosion vereint – der jede religiös aufgeladene Gemeinschaft treffen kann (Schillingstraße 31, bis 20. Januar, 4000 – 18 000 Euro) .

Auch die 1967 geborene, in Los Angeles lebende Lisa Lapinski hat sich mit einer religiösen Gemeinschaft beschäftigt: den Shakern. Obwohl sich die Künstlerin auf einer ganz anderen Fährte als Armin Böhm befindet, und eher der Bildproduktion in spirituellen Kontexten nachspürt, vermittelt auch ihre zentrale Rauminstallation „Nightstand“ in der Galerie Johann König (Dessauer Straße 6–7, bis 20. Januar, Preis auf Anfrage) den Eindruck, einer schockgefrorenen Explosion. Ihr jedes Schlafzimmer sprengender „Nachttisch“ setzt sich zusammen aus offenen Walnussholz-Schubladen im typischen, reduzierten Shaker-Stil. Über ihnen türmen sich Schranktüren in Fluchtpunkt-Perspektive, Korbgeflecht bildet eigenartige Ornamente, dazwischen stehen Vasen und Deckchen. Über allem thront das grelle Gemälde einer Hexe.

Mit Bildern wie diesen haben sich die Shaker Mitte des 18. Jahrhunderts in religiöse Ekstase versetzt. Lapinskis im letzten Jahr auch auf der Whitney-Biennale in New York gezeigte Skulptur vereint die Diskrepanz zwischen formaler Strenge der Shaker-Möbel und ihren ausschweifenden spirituellen Ritualen zu einem allein handwerklich eindrucksvollen Altar. Der Gedanke, dass Religion Opium fürs Volk sein kann, gewinnt hier einen ganz neuen Aspekt. Und dass Ornament und Verbrechen manchmal ganz nah beieinander liegen können – das wussten auch schon andere.

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