Kultur : Dunkel im Dunkel

Kirchner-Restitution im Berliner Abgeordnetenhaus

Nicola Kuhn

Ein ungutes Gefühl bleibt zurück, wie Thomas Birk von Bündnis 90 / Die Grünen es formuliert. Dagegen hilft auch nicht stundenlanges Debattieren des Sonderausschusses „Restitution“, der sich gestern zum sechsten Mal im Abgeordnetenhaus traf, um Licht in das Dunkel der Kirchner-Rückgabe zu bringen. Nachdem in den beiden letzten Sitzungen zunächst die vom Senat für die Erben-Verhandlungen eingeschaltete Anwaltskanzlei und die Direktorin des Brücke-Museums – dort hing das Bild bis letzten Sommer – Stellung bezogen hatten, wurden nun die Vertreter der Senatsverwaltung für Kultur befragt.

Obwohl ein erst jüngst vorgelegtes Gutachten die Rechtmäßigkeit der Rückgabe nochmals bestätigt hatte, die Entscheidung der Senatsverwaltung damit legitimiert worden war, herrschte nun wieder ein eisiger Ton. Die von Brücke-Direktorin Magdalena M. Moeller erhobenen Vorwürfe standen böse im Raum. Hatte die damalige Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler der Erbin zu früh eine Rückgabe signalisiert? Hätten mit Hilfe von Sponsoren und Alarmierung der Öffentlichkeit doch noch die Gelder aufgetrieben und Kirchners „Straßenszene“ für Berlin gerettet werden können? Und wurde die Brücke-Direktorin von der Senatsverwaltung aus dem Verfahren herausgedrängt?

Ganz wird sich das wohl nie klären, zumal sich Kisseler und der damalige Kultursenator Thomas Flierl den Fragen verweigern, solange ein vom Freundesverein des Brücke-Museums angestrengtes Verfahren über ihnen schwebt. Stattdessen versuchten sich die in der Kulturverwaltung mit der Kirchner-Restitution betrauten Juristen Liane Rybczyk und Konrad Schmidt-Werthern der Vorwürfe zu erwehren. Ganz gelang es ihnen nicht, wie sich am Kopfschütteln der Vorsitzenden Alice Ströver (Bündnis 90 / Die Grünen) am Sitzungsende ablesen ließ. Für sie blieb bis zuletzt rätselhaft, dass ein kapitaler Vorgang wie die Restitution eines so bedeutenden Bildes ohne strategische Vorgespräche mit der Politik über die Bühne gehen konnte, ohne Hilferuf ans Parlament. Liane Rybczyk konnte zwar glaubhaft machen, dass höchste Diskretion in den Verhandlungen geboten war, um die Preiserwartungen nicht noch weiter zu steigern, und Schmidt-Werthern erinnerte eindrücklich daran, dass kurz zuvor Berlin in Karlsruhe noch um mehr Geld geklagt hatte. Da erschien das kurzfristige Aufbringen von 15 Millionen Euro für die Kirchner-Erben fern jeglicher Realität. Zumindest für eines gewann das Verwaltungsduo Verständnis: Dass das Kirchner-Bild bewusst nicht auf die Liste nationaler Kulturgüter gesetzt worden war, um damit im letzten Moment die Ausfuhr ins Ausland zu unterbinden. Das hätte nach Anerkennung des im Dritten Reich verfolgungsbedingten Verkaufs mehr als zynisch ausgesehen.

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