Kultur : Dunkel wacht der Chor

Hamburger Premieren: Millers „Hexenjagd“, Hebbels „Maria Magdalena“ und Goethes „Clavigo“

Katrin Ullmann

Ob Gott, Tod und Teufel, Schuld, Scham oder Ehrgefühl. Es sind große, schwer moralische Themen, die in Hamburg gerade Theater machen in Andreas Kriegenburgs „Hexenjagd“, Jacqueline Kornmüllers „Maria Magadalena“ und in David Böschs „Clavigo“.

Kriegenburg, der Theatralischste unter ihnen, bleibt überraschend brav am Text. Arthur Millers Kritik an der Kommunistenverfolgung in der McCarthy-Ära beruht auf Tatsachen. In Salem, einem Städtchen in Massachusetts wurde 1692 der Tanz junger Mädchen im Wald zum Auslöser einer wahnwitzigen Hexenjagd. Bewohner von Salem entdeckten die „Ausschweifung“. Um einer Strafe zu entgehen, gaben die Mädchen vor, dem Teufel begegnet zu sein. Ein Denunziationsreigen nahm seinen Lauf.

Schön zwielichtig und vernebelt ist am Thalia Theater der Mädchentanz. Kriegenburg zeigt minutenlang nur Beine und Leiber, schaukelnd und atmend. Die schemenhafte Choreografie scheint voll geheimer Rituale. Am Ende hängt eines der Mädchen halbnackt und blutend in schwingenden Seilen. Kein Wunder, dass sich das Dorf entrüstet. Bleich geschminkt, mit schwarzem Anzug und Hut schreien von nun an die Ensemble-Herren mit den ebenso vereinheitlichten Ensemble-Damen – allesamt in schwarzen Kleidern (Kostüme: Andrea Schraad) – um die Wette. Mit gesenktem Kopf queren sie den hellweißen Bühnenkasten (Harald B. Thor) und hetzen sich gegenseitig auf. Zwischendurch werden mit lautem Knall Krakel-Gruselbilder von Stefan Pertschi an die Rückwand geworfen, Baumstämme vom Bühnenhimmel gefahren, schwarze Blechkreuze bedeutungsschwer ausgebreitet, Benzinkanister gegeneinander geschlagen und wichtige Textteile mehrfach wiederholt.

Im ersten Teil des Abends bemüht Kriegenburg die Mittel der griechischen Tragödie. Er vervielfältigt die Personnage zum Chor. Der skandiert mal „Hexen!“, mal bellt er einen Haftbefehl. Später folgen kammerspielartige Szenen zwischen John Proctor (Alexander Simon), seiner Frau (Judith Hofmann) und Abigail (Claudia Renner). Diese Psycho-Knee-Plays versuchen redlich Spannung aufzubauen, die Kriegenburg jedoch kurz darauf mit beharrlicher Cellomusik und noch beharrlicherem Slapstick wieder ausbremst. Kriegenburg serviert ein buntes Potpourri aus überdimensionalem Pathos, schlechtem Slapstick und zwischenmenschlichem Trauerspiel. Ohne irgendeinen Bezug zur Gegenwart verliert sich seine „Hexenjagd“ im Grotesken und endet so lapidar wie abrupt.

Am Schauspielhaus hat sich Jacqueline Kornmüller an Hebbels „Maria Magdalena“ versucht, ein verstaubtes Stück über Familienehre und Schamgefühl, Gottesfurcht und Glaube. Und so gibt es in Kornmüllers müder Inszenierung nur eine einzige Szene – wenn der strubbelige Secretaire (Thiemo Strutzenberger) Klara (Monique Schwitter) stotternd seine unerfüllte Liebe gesteht, die ahnen lässt, welch „höchst tragische Wirkung“ Hebbel mit seinem 1843 geschriebenen Stück beabsichtigte.

Der Rest des Stücks ist an ein heute absurdes Ehrgefühl gekoppelt, dass der pater familias Meister Anton (Manfred Zapatka) cholerisch diktiert. Dieses Regelwerk ist so rigide, dass allein die Nachricht vom Verdacht auf Juwelenraub die schon graugesichtige Mutter (Irene Kugler) ins Grab bringt, woraufhin der Vater seiner Tochter das Versprechen auf ein schandefreies Leben abverlangt. Dass Klara längst „befleckt“ ist, wissen ja nur sie selbst, Gott und Leonhard (Peter Wolf). Den einen bittet Klara um den baldigen Tod, den anderen um die Heirat.

Allein Kornmüller scheint an die Gegenwärtigkeit des Trauerspielthemas zu glauben. Ungebrochen lässt sie die Schauspieler in Richtung Bühnenhimmel Gott anflehen, zwischen zwei Dutzend Holzsärgen um die Familienehre ringen und auf Knien ihre Schande gestehen. Doch statt Trauer oder Mitgefühl machen sich zwischen Männergebrüll und dramatischer Streichmusik nur mehr Langeweile und unfreiwillige Komik breit.

Am Thalia in der Gaußstraße schließlich hat David Bösch „Clavigo“ auf die Bühne gebracht, ein Stück über Liebe, Karriere und Schuldgefühle. Der 24-jährige Goethe schrieb es 1774, nachdem er Friederike Brion verlassen hatte. Und natürlich verlässt darin auch Clavigo seine Marie, nachdem sie ihn gefördert und ihm zu Ruhm verholfen hat. Er verlässt sie genau dann, als seine Zeitschrift zum Erfolg wird, der Ministerposten zum Greifen nah und die Heirat mit der Französin nicht mehr ins Programm passt.

David Bösch zeigt einen wankelmütigen Clavigo, der zwar gerne Erfolg hat, aber auch einen, der sehr an seiner Männerfreundschaft zu Carlos hängt. Dieser ist es schließlich, der den Freund antreibt, ihm die Tasten der Schreibmaschine anwärmt und die unnütze Frauengeschichte ausredet. Ein munter musizierender Karrierist, ein Stratege und einer zum nächtelangen Kartenspielen: Felix Knopp spielt Carlos als treuen Kumpanen, der eifersüchtig auf die Verliebtheit seines Freundes reagiert. Clavigo (Hans Löw) hingegen steht tatsächlich neben sich: Er schreibt das Drama, während er selbst darin die Hauptrolle spielt.

Bösch interessiert sich in seiner leichtherzig erzählten Inszenierung weniger für Goethes Karriere-statt-Liebe-Geschichte als für die männliche Sicht auf die Drei-sind-einer-zu-viel-Konstellation. So ist seine Inszenierung nur dann und wann richtig traurig – etwa wenn Maren Eggert als todunglückliche Marie tränenerstickt „Love Me Tender“ singt. Meist inszeniert Bösch trashig und frech gegen den Text, teils ein wenig plump und allzu deutlich, immerhin aber kurzweilig und zeitgemäß.

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