Kultur : Dunkelkammern

Sichtbares und Unsichtbares im Berliner IG-Metall Haus

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„SCHOCKEN“ heißt die Devise bei Veronika Kellndorfer. Der Appell der Berlinerin aus Leuchtbuchstaben im Erich Mendelsohns IG-Metall-Haus von 1929 wiederholt die Schrift an der Fassade des Kaufhauses Schocken in Stuttgart. Auch dies war ein Mendelsohn-Bau. Unter den Nazis „arisiert“, musste das Gebäude 1960 einem Horten-Kaufhaus weichen. Kellndorfer hat den verkleinerten Schriftzug auf die luftige Rekonstruktion des dazugehörigen Fassadenrasters gesetzt und überblendet so optisch den verschwundenen Bau mit dem dahinter liegenden Fensterstreben. Zusätzlich wird in einem Video ein Modell des Schocken-Baus alle drei Minuten gesprengt: Das Sichtbare und das Unsichtbare, die vorhandene Architektur und die Erinnerung treffen aufeinander und ziehen imaginäre Verbindungslinien – zwischen einst und jetzt.

Als einzige der sechs beteiligten Künstler hat Veronika Kellndorfer damit in der von Gabriele Knapstein und Annette Thomas kuratierten Ausstellung direkt auf einen Architekten Bezug genommen. Allerdings geht auch der Titel der Schau „the invisible and the visible as an indivisible unity“ auf Mendelsohn zurück. Sein Diktum öffnet ein weites Feld für die Interpretation des Architektonischen durch die Kunst. Eher zurückhaltend passt sich Sabine Hornig dem Raumgefüge im IG-Metall-Haus an. An der mitten im Raum stehenden Wand irritiert nur der schräg eingeschnittene Eingang. Hornig, die sonst auch Balkons oder Eingangselemente von Plattenbauten zum Kunstwerk umwidmet, entdeckt in der so heftig geschmähten „Platte“ skulpturale Qualitäten. Das Unsichtbare – weil Übersehene – wird plötzlich sichtbar, stellt man nur das Äußere der Architektur ins Innere eines Ausstellungsraums.

Gänzlich imaginär funktioniert Knut Åsdams Schwarzfilmhörspiel, wenn auch nicht ohne räumliche Erfahrung. Denn um dem Gespräch über das Leben in der Stadt zu lauschen, muss der Besucher sich in eine Art Dunkelkammer begeben. Das glatte Gegenteil liefert anschließend Gunda Försters acht Meter lange Passage mit 48 unerträglich hell gleißenden Scheinwerfern, die durch einen Bewegungsmelder in Gang gesetzt und durch einen enervierend hohen Sinuston unterstützt werden. Aber das Moment der Übersteuerung scheint nötig, um den Focus auf die Wahrnehmung der physikalischen Bedingungen des Raums einzustellen. Hat man Försters Passage durchlitten, setzt die Choreografie der gelungenen Ausstellung noch einmal eine Pointe. Denn Maix Mayers Videoparodie auf das Genre des Science-Fiction muss wieder voll auf den Style futuristischer DDR-Plastemöbel setzen, damit seine Raumfahrergeschichte im Leipziger Gegenwartsallerlei überhaupt zur Geltung kommt. Ronald Berg

IG-Metall-Haus, Lindenstraße / Ecke Alte Jakobstraße, bis 11. August.

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