Dunkelkonzert im Haus der Festspiele : Licht aus, Ohren auf!

Keine Form, keine Bewegung, keine Gestalt: Sabrina Hölzer hat im Haus der Berliner Festspiele für ein Dunkelkonzert das Licht ausgeknipst. Übrig bleibt nur das Ohr. Ein Hörerlebnis.

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Projekt "Now I Lay Me Down" von Sabrina Hölzer.
Hörerlebnis: Projekt "Now I Lay Me Down" von Sabrina Hölzer.Foto: Ladislav Zajac / Haus der Berliner Festspiele

Man fühlt sich an die Friedhofsbesuche mit den Großeltern erinnert, wenn man den Bühnenraum im Haus der Berliner Festspiele betritt. Im dämmrigen Licht stehen in Reih und Glied erhöhte Liegeflächen wie Bahren, jede ausgelegt mit einem Stück Rollrasen. Mit Decke und Wollsocken ausgerüstet darf man sich hier zur Ruhe legen, und zu der Sinfonia aus Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ erlischt langsam das Licht. Morbide Assoziationen wecken auch die in der Dunkelheit erklingenden Worte aus E. E. Cummings Gedicht, nach dem das Projekt „Now I lay me down“ benannt ist.

Er spricht von Sonne, Tag und Leben als Leihgaben, während Nacht, Tod und Regen Grundgegebenheiten sind. „What a gently welcoming darkestness“ – Regisseurin Sabrina Hölzer hat Cummings beim Wort genommen und ein Superlativ von Dunkelheit geschaffen, das jede Spur von Licht verbannt. Keine Form, keine Bewegung, keine Gestalt, nicht einmal die eigene, sind zu erahnen. Übrig bleibt das Ohr, das nun die Kraft aller Sinne in sich vereint und vom Solistenensemble Kaleidoskop durch eine vermeintlich vertraute Klanglandschaft geführt wird, in der ein einziger Ton zum Erlebnis wird.

Ideal Hörvoraussetzungen für Musik, die Konzentration fordert

Neben experimentellen Gemeinschaftskreationen von Kaleidoskop „NILMD 1&2“ – sanfte, ausgedehnte Klangrutschen – begegnet das Ohr Werken von Benjamin Britten, George Crumb und sogar dem lieblichen Klassikhit „Adagio for Strings“ von Samuel Barber. Die radikale Abwesenheit ablenkender visueller Reize erweist sich als ideale Hörvoraussetzung nicht nur für Neue Musik, die oft viel Konzentration und Versenkung fordert, sondern auch für wohlbekannte, alte Musik. Man entdeckt sie neu – doch in Wahrheit entdeckt man sich selbst neu. Das kann man nur als großes Geschenk entgegennehmen.

Weitere Aufführungen: 13.+14.12., 8.–11.1. und 15.–18.1.

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