„Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert : Ohne Ende Stoff

Im Grenzland von Thriller und Western: In Sven Heucherts Krimidebüt „Dunkels Gesetz“ schlägt sich ein ehemaliger Söldner durch die deutsche Provinz. Brutal und packend erzählt.

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Ornament eines abgehängten Alltags. Sven Heuchert, 1977 im rheinischen Troisdorf geboren, erzählt von kaputten Trinkern, Prostituierten und Zuhältern.
Ornament eines abgehängten Alltags. Sven Heuchert, 1977 im rheinischen Troisdorf geboren, erzählt von kaputten Trinkern,...Foto: Gerald von Foris

„Country Noir“ ist ein verhältnismäßig junges Genre. Der amerikanische Autor Daniel Woodrell hat den Begriff in den neunziger Jahren geprägt, in Verbindung mit seinem Roman „Stoff ohne Ende“. Die Handlung war in den Ozarks in Missouri angesiedelt, einer der zahlreichen ländlichen Regionen in den USA, die durch Armut, Drogen, Hoffnungslosigkeit und Gewalt geprägt sind, und Daniel Woodrell ist in Folge mit seinen Büchern immer wieder in dieses Gebiet zurückgekehrt, wie zuletzt mit „In Almas Augen“.

In den vergangenen zwanzig Jahren sind dann im Grenzland von Thriller und Western eine ganze Reihe von unwahrscheinlich düsteren Romanen mit Blick auf diese White-Trash-Parallelgesellschaft entstanden, die die Markenbezeichnung „Country Noir“ tragen.

Sven Heuchert holt das Genre in die deutsche Provinz

Crystal-Meth-Küchen, Schrotflinten, verrostete Pick-Ups und heruntergekommene Häuser, haarsträubende Jagdunfälle, Selbstjustiz und dysfunktionale Familien: Das sind die Bausteine, aus denen diese Hinterwäldler-Tragödien zusammengesetzt sind. Und das nicht nur in der Literatur. Der „Country Noir“ hat auch das amerikanische Independent-Kino erobert und setzt im Bereich der Fernsehserien einen Trend : mit „Justified“, „Fargo“ oder zuletzt mit dem Drogendrama „Ozarks“.

Für seinen ersten Kriminalroman mit dem Titel „Dunkels Gesetz“ hat Sven Heuchert das Genre jetzt nach Deutschland geholt, besser gesagt: in die tiefste Provinz irgendwo am westlichen Rand der Republik: „Brachliegende Felder, umsäumt von Nadelwald. Hin und wieder stand am Straßenrand ein zweistöckiges Haus mit fehlenden Dachziegeln und abgeplatztem Lack an Türen und Fensterrahmen. Danach kilometerlange Einöde“.

Die ersten, kaputten Bilder aus der Romanlandschaft – „Getreidesilos, die Metallwände voller Vogeldreck“ – könnten auch aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten stammen, und sogar das Casting wirkt auf den ersten Blick amerikanisch: Ein ehemaliger Söldner – er trägt den beziehungsreichen Namen Richard Dunkel – arbeitet als Security-Mann für eine Firma, die sich auf Altlastentsorgung spezialisiert hat. Er bewacht eine ehemalige Mine, in der früher Zink und Blei abgebaut worden sind und die jetzt zum Endlager für Industrieabfälle umgenutzt werden soll.

Heuchert findet einen eigenen Ton

Doch die Region ist bereits ein soziales Endlager. Richard Dunkel trifft auf traurige Schnaps-Trinker, alt gewordene Zuhälter und Kleinkriminelle, die vom großen Durchbruch im Drogengeschäft träumen, und als er sich in die Prostituierte und alleinerziehende Mutter Marie verliebt, die sich aus einem Trailer-Park in die Arme eines brutalen Tankstellenbesitzers gerettet hat, setzt er eine blutige Kettenreaktion in Gang.

Und all das funktioniert wirklich: Sven Heuchert, der 1977 im rheinischen Troisdorf geboren wurde und bisher nur mit dem Erzählband „Asche“ und dem Hörbuch „Punchdrunk“ hervorgetreten war, hat es tatsächlich geschafft, aus den scharfkantigen Genresplittern des amerikanischen „Country Noir“ einen packenden deutschen „Provinz Noir“ zusammenzusetzen – und dabei gleichzeitig einen ganz eigenen Ton zu entwickeln.

Von Ulf Miehe und Jörg Fauser gelernt

Radikal heruntergekürzte Dialoge, in denen sich zwischen den wenigen, verschliffenen Wörtern und stereotypen Formulierungen tiefe Abgründe auftun, wechseln sich ab mit ausgesprochen präzisen Passagen, in denen Sven Heuchert ein Stück Normalität freilegt, das nicht zum offiziellen Bildprogramm der Angela-Merkel-Republik gehört. Verrostete Campingstühle, Camel ohne, zerbrochene Terrassenplatten, Plastiktüten vom Discounter, „Zinn-4“- Flaschen, ein Einmalrasierer im verschmutzten Waschraum eines Autohofs: Es ist das Ornament eines abgehängten Alltags, das sich durch „Dunkels Gesetz“ zieht. Man merkt, dass Sven Heuchert nicht nur amerikanische Romane gelesen hat, sondern auch Autoren wie Ulf Miehe und Jörg Fauser, die in den siebziger und achtziger Jahren mit ihren Romanen Genrekonventionen und soziale Recherche zusammengebracht haben.

Das hat Heuchert von diesen Autoren gelernt: Man muss sehr genau hinsehen. Dann gibt es auch in Deutschland Stoff ohne Ende.

Sven Heuchert:  Dunkels Gesetz. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2017. 192 Seiten, 14,99 €.

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