Kultur : Duo totale Paolo, der jüngere der Taviani-Regie-Brüder, wird 70

Peter W. Jansen

"Wir haben Filmgestaltung und Politik nie als voneinander unabhängig verstanden. Politik bedeutet Erkenntnis der Wirklichkeit und die Aktion, sie zu verändern. Der Film hat für uns die gleiche Funktion, auch wenn die Mittel und die Voraussetzungen verschieden sind." Sagt Paolo Taviani - und hätte auch Bruder Vittorio sagen können. Denn auch wenn sie gelegentlich bei Interviews beide sprechen, so sprechen sie doch immer mit einer Stimme. Genauso arbeiten sie: schichtweise. Wenn sie einen Film drehen, wechseln sie sich beim Regieführen ab; der andere schaut schweigend zu. Marcello Mastroianni, der in ihrem Film "Allonsanfan" spielte, wurde gefragt, wie es denn sei, von zwei Regisseuren geführt zu werden. Seine Rückfrage: "Wieso von zwei?"

Trotzdem wird nur einer von den zweien heute 70. Geboren wurden beide in der Toscana, in San Miniato in der Provinz Pisa, Vittorio 1929, Paolo am 8. November 1931. Beeindruckt von Rossellinis "Paisà" waren sie Mitte der 50er Jahre nach Rom gegangen, wo sie als Regie-Assistenten das Handwerk lernten. Einfluss auf ihre Entwicklung nimmt die Mitarbeit bei einem Film des holländischen Dokumentaristen Joris Ivens. Dennoch wissen sie bald, dass ihr eigentliches Interesse - und auch Talent - jenseits des Dokumentarischen eher in einem Zwischenbereich von Dokumentation und Fiktion liegt.

1961/62 drehen sie den sizilianischen Mafia-Film "Un uomo da bruciare" (Ein Mensch, der vernichtet werden muss) und 1967 "I sovversivi" (Die Subversiven), der auf dem dokumentarischen Hintergrund vom Begräbnis des KPI-Führers Togliatti von drei Kommunisten erzählt, deren Leben sich radikal ändert. "Die Subversiven" entfachen eine parteipolitische Kontroverse, die den filmsprachlichen Fortschritt verdeckt.

Die Tavianis verstehen ihr Kino als eine Fortentwicklung des Neorealismus und nennen es "Kino der Recherche". Und sie werden dem eigenen Anspruch mit "Padre padrone" (Mein Vater, mein Herr) perfekt gerecht. Das Meisterwerk nach dem Lebensbericht des sardischen Hirten Gavino Ledda, der vom Analphabeten zum Sprachwissenschaftler wurde, ist 1977 die erste TV-Produktion, die in Cannes die Goldene Palme bekommt. In "Good Morning Babylon" erzählen die italienischen Brüder von zwei italienischen Brüdern, die als Handwerker bei Griffith das Filmemachen lernen, in "Kaos" folgen sie Novellen von Pirandello, in den "Wahlverwandtschaften" Goethe. Und immer wieder sind Landschaftstotalen, wie die von der Toskana in der "Nacht von San Lorenzo" das besondere Kennzeichen ihrer Filme, die nur noch vom Fernsehen finanziert werden und für die "kleine Leinwand" des Bildschirms entstehen. Das hat Paolo so wenig wie Vittorio je bekümmert. Für ihre Filme ist jede Leinwand zu klein. Also machen sie den Raum ihrer Erzählungen größer, indem sie ihn mit Musik füllen. Die karge Bergwelt Sardiniens hallt wider - von einem Wiener Walzer.

Diese Filme, niemals mit Direktton gedreht, sind absolut artifizielle Produkte. Sie folgen nicht literarischen, sondern musikalischen Strukturen. Musik machen sie selber, die fratelli, Hausmusik. Vittorio spielt Klavier, Paolo die Geige. Unter ihnen herrscht Einigkeit, dass es gelegentlich auch die erste sein darf.

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