Kultur : Durch die Sterne zappen

Jonglieren mit Melodramen: der Stückemarkt des Theatertreffens

Frank Dietschreit

Wenige Tage nach den Terrorakten vom 11. September: Frau Schmidt, die Sekretärin eines deutschen Start-up-Unternehmens, und Max, ihr Praktikant, hocken im Dauerregen auf einem Campingplatz vor den Toren New Yorks. In der „tt-Box“, einem in das Haus der Berliner Festspiele gebauten Kubus, der mehr einem überdimensionierten Fernsehgerät denn einer bespielbaren Bühne gleicht, hat Regisseurin Christina Friedrich ein Zelt aufstellen lassen, die beiden Camper in Schlafsäcke gesteckt. Bettina Lohmeyer und Oliver Urbanski sehen ziemlich unglücklich aus, wie sie da eingemummelt auf harten Stühlen sitzen und sich durch einen Text schwitzen. Er heißt „Koala Lumpur“. Dort steht das größte Hochhaus der Welt, das selbst das in Schutt und Asche versunkene World Trade Center überragt. Aber den Titel des Stückes von David Lindemann, mit dem der diesjährige Stückemarkt eröffnet wurde, sollte man nicht allzu ernst nehmen. Lindemann geht es nicht um die Bedrohungen des international agierenden Terrors, sondern um die kleinen Verwirrungen zweier sexuell frustrierter Deutscher.

Seit 25 Jahren gehört der Stückemarkt zum Berliner Theatertreffen, seit 1986 hat Klaus Völker, der Leiter der Ernst-Busch- Hochschule, parallel zur Theaterolympiade neue Dramen präsentiert und sie von zumeist erstklassigen Schauspielern lesen lassen. In diesem Jahr ist alles anders. Aber ist es auch besser? Iris Laufenberg, die neue Leiterin des Theatertreffens, hat um sich eine Jury versammelt (mit den Autoren Oliver Bukowski und John von Düffel, der Journalistin Eva Behrendt, der Dramaturgin Stephanie Steinberg, dem Regisseur Harald Siebler) und aus 179 eingereichten Texten vier deutsche und zwei ausländische Dramen ausgewählt. Dramaturgen haben die Autoren beraten, Regisseure das überarbeitete Manuskript szenisch eingerichtet.

Doch wer erste durchgearbeitete Spielszenen erwartet, wird enttäuscht. In der tt-Box sehen wir Darsteller, die unbeholfen mit Schlafsäcken oder Sitzbänken hantieren, während sie mit den Manuskripten jonglieren. Das wirkt oft unfreiwillig komisch und ist letztlich nicht viel mehr als eine Lesung unter erschwerten Bedingungen. Schnell sehnt man sich nach den von Völker mit philosophischen Exkursen intellektuell aufgeladenen Lesestunden, für die er Mimen wie Udo Samel und Peter Simonischek, Ulrich Matthes und Ulrich Mühe, Nina Hoss und Astrid Meyerfeldt, Corinna Kirchhoff und Tina Engel gewinnen konnte.

Für das neue, vom Uraufführungstheater Berlin (UAT) begleitete Konzept, konnten sich offensichtlich nicht viele Schauspieler von Rang erwärmen. Die im Programmheft angekündigte Sophie Rois ließ sich lieber von einer Kollegin vertreten. Einzig Jule Böwe und Mark Waschke zeigten, dass die Ostermeier-Schule sie befähigt, einen unbekannten Text innerhalb von zwei, drei Probetagen szenisch in den Griff zu kriegen. Was die beiden Schaubühnen-Mimen aus Maja Das Guptas mediensatirischem „Zappen“ herausholten, ließ jedenfalls erahnen, dass es sich lohnen könnte, das kurzweilige Drama auf einer größeren Bühne uraufzuführen.

Den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis der Dresdner Bank hat dann aber weder „Zappen“ noch Ulf Schmidts mit brachialer Fäkalsprache im Beziehungskrieg wühlendes „Heimspiel“ bekommen – „Wo lebst du denn?" der Serbin Anna Lasic´ und „Um die Wurst“ des Belgiers Jean-Marie Piemme liefen außer Konkurrenz. Teilen müssen sich den kleinen Geldsegen David Lindemann und Anja Hilling. Die in Berlin lebende UdK-Studentin für szenisches Schreiben hat in „Sterne“ eine poetische Kindermärchen-Atmosphäre entworfen, die von vier vor Notenständern stehenden Sprechern zu einem lieblich klingenden, aber doch ganz und gar inhaltsarmen Stimmenkanon komponiert wurde. Überhaupt wurden auf diesem Stückemarkt vor allem Texte vorgestellt, denen es nicht nur an dialogischer Sprachkunst, sondern auch an einer sozialen oder kulturellen Dimension mangelt. Würde sich ein Regisseur wie Michael Thalheimer („Liebelei") dieser Dramen annehmen, er müsste scheitern. Denn wo nichts ist, kann auch nichts entkernt und auf das Wesentliche reduziert werden.

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