Kultur : Durch Mark und Bein

FREDERIK HANSSEN

Jürgen Roses Sturm ist aus Seide.Sanfte Luftstöße bewegen zarte Stoffbahnen - und beleben sich in schattig-grauschwarzer Beleuchtung doch zur wild aufgewühlten See, die Richard Wagners "Fliegenden Holländer" gnadenlos an Land spült.Fast könnte man meinen, der Bühnenbildner habe dem Wagner-Clan hier demonstrieren wollen, daß sich effektvoller Wirbel auch mit subtilen Mitteln erzeugen läßt.Da es sich aber "nur" um die Wiederaufnahme einer Produktion von 1990 handelt, hat der Zufall wohl diese erhellende Kontrastwirkung provoziert: Grober Theaterdonner mit einstweiligen Verfügungen und Presseschelte dort, fein ausgeklügelter Bühnenzauber hier.

Ist im Festspielhaus nach dem im 87.Jahr des Bayreuther Festivals besonders üppig ausgefallenen Defilée der Prominenten von Roman Herzog bis Thomas Gottschalk erst einmal Ruhe eingekehrt (was lange dauert), kann der Eröffnungsabend seinen magischen Charme entfalten: Denn es sind vor allem Jürgen Roses eindringliche Bilder, seine poetischen Zeichensysteme, die diesem "Holländer" Kraft verleihen - und ihn vor dem Altern geschützt haben: Die roten Segel des Holländerschiffes, die sich plötzlich wie blutige Flügel aus dem Meer erheben, der Sternenhimmel über Dalands gelb gestrichener Kate, der sich verdüstern kann, wenn Erik auf Senta eindringt, das Fischerhaus selber, das abhebt, als die Kapitänstochter endlich ihren Holländer trifft, das gar eine 360-Grad-Drehung in der Luft vollführt, ohne daß andere Mächte als die der Liebe erkennbar werden, die da während des Duetts alle Gesetze der Schwerkraft aufheben.

Viel braucht Regisseur Dieter Dorn den übernatürlich ausgeleuchteten Seelenräumen seines Ausstatters nicht hinzuzufügen, und er hat es auch klug vermieden, mehr als ein "surreales Märchen" erzählen zu wollen.Dafür muß er in Kauf nehmen, daß seine Figuren Rollenrepräsentanten bleiben, keine Persönlichkeit entwickeln über die Reaktionen hinaus, die das Libretto ihnen vorgibt.

Cheryl Studer stellt das weltfremde, dickliche Einzelkind Senta dar, Alan Titus den verdammten Weltumsegler, der genauso wild dreinschaut und breitbeinig auftritt, wie Dalands Tochter sich den Holländer aus der Ballade erträumt.Zwei verwandte Seelen und zwei große internationale Stimmen - mit unüberhörbaren vokalen Problemen: Cheryl Studer, die 1985 so fulminant als "Tannhäuser"-Elisabeth auf dem Grünen Hügel debütierte, ist ohne den einstigen Glanz ihres hohen Registers nach Bayreuth zurückgekehrt.So reich und feminin ihr Sopran in der Mittellage noch ist, so sehr gehen die unsauberen, schrillen Spitzentöne inzwischen durch Mark und Bein.Alan Titus hat dagegen keine Probleme mit der machtvollen Höhe, doch beim Piano-Singen und in rezitativischen Passagen ist er inzwischen alles andere als treffsicher.

Lichtblicke waren neben dem immer noch zuverlässig stimmgewaltigen Bayreuth-Dauergast Hans Sotin, der in diesem Jahr zum 25.Mal bei den Festspielen singt, die beiden Tenöre: Torsten Kerl als kernig-draufgängerischer Steuermann, der versuchsweise klanglich schon mal den Jungsiegfried herauskehrt, vor allem aber Roland Wagenführer: Er singt und spielt den Erik überzeugend als verzweifelt Werbenden - und ohne Abstriche bei der Klangkultur.

So wie die Regie bei diesem "Holländer" ausnahmsweise einmal hinter der Suggestionskraft des Bühnenbildes zurücktritt, kamen letztlich die beeindruckendsten Leistungen auch im Musikalischen diesmal nicht von den Solisten, sondern von den prachtvoll auftrumpfenden, von Norbert Balatsch wieder mit Akribie einstudierten Chor und dem hochmotivierten Orchester, das die schnellen, unprätentiösen Tempi des Dirigenten Peter Schneider mit stürmisch "schäumenden" Streichern und blitzend dreinfahrenden Bläsern in dramatische Spannung umsetzte.

Spannung, wenn auch nicht ganz so dramatische, lag über der Pressekonferenz am folgenden Sonntagmorgen.Wie geht es weiter mit den Weihefestspielen? Wolfgang Wagner hat immer noch keinen Regisseur für die Neuproduktion des "Lohengrin" gefunden, mit der die kommende Saison 1999 eröffnet werden soll.In der vorletzten Woche hatte der ursprünglich angekündigte Regisseur Willy Decker überraschend "aus persönlichen Gründen" abgesagt.Der 79jährige Wagner bedauerte Deckers Entscheidung.Er selber wolle jedoch nicht als Regisseur einspringen: "Natürlich könnte ich den Lohengrin sofort inszenieren - aber ich werde mich hüten, meine Breitseite preiszugeben, damit meine Kritiker da mit dem Schwert hineinhauen können." Immerhin gab der Festspielchef jedoch die Solistenbesetzung bekannt: John Tomlinson wird den König Heinrich singen, Roland Wagenführer den Lohengrin, Melanie Diener die Elsa und Gabriele Schnaut die Ortrud.Als Dirigent ist Antonio Pappano vorgesehen.

Daß Siegfried Jerusalem 1999 wieder den "Tristan" singen wird, wollte Wagner nicht bestätigen: "Wir müssen abwarten, ob er die persönliche Krise bis dahin überstanden hat.Ich will über den gewissermaßen an meiner Vaterbrust aufgewachsenen Sänger hier jetzt nicht das Urteil sprechen." Befragt nach der Besetzung der Neuinszenierung des "Rings" im Jahr 2000 nannte Wolfgang Wagner Erich Wonder als Ausstatter neben Regisseur Jürgen Flimm und dem Dirigenten Giuseppe Sinopoli.2001 wird es, wie auch in diesem Jahr, "aus finanziellen Gründen" keine neue Produktion geben.

Auf unsere Frage, warum er nicht zur Beerdigung seiner Schwägerin Gertrud am vergangenen Mittwoch gegangen sei, antwortete der Festspielchef: "Es gibt keine Vorschrift, daß ich eine Beerdigung besuche.Ich habe von meinem demokratischen Recht Gebrauch gemacht, fernzubleiben."

Zum Endlosthema seiner Nachfolge wollte sich Wolfgang Wagner nicht näher äußern.Dynastisch zu denken wie andere Mitglieder seiner Familie, käme ihm aber nicht in den Sinn.Am Ende zeigte sich Wolfgang Wagner überrascht: "Ich dachte, hier würden heute wieder die Fetzen fliegen", kommentierte er mit Blick auf die Pressekonferenz des letzten Jahres, bei der es einen zweistündigen Schlagabtausch zwischen ihm und den Journalisten gegeben hatte.Von wegen Dramatik.

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