Kultur : Durch Raum und Leid

Mobilität im Theater: Intendanten kommen und gehen von Hamburg bis Zürich, von Bochum bis Freiburg. Aber was bewegt sich da – wohin?

Peter Iden

Wer heutzutage noch ein Theater leiten will, der müsste, so zerrissen zeigt sich die deutsche Szene an vielen Orten, mindestens befähigt sein, Wunder zu tun. Er oder sie soll die Bühne am eigenen Platz groß und stark machen und sie zugleich überregional ins Gespräch bringen, dabei auch neue Wege gehen, aber das gute alte Publikum nicht vertreiben. Und wie macht man das? Wer schreibt für die in Zeiten leerer Subventionskassen dicht am Abgrund operierenden Häuser die bewegenden neuen Stücke, die ihnen verlorenes Interesse zurückgewinnen könnten – und wo wären unter den Regisseuren die mehr als nur sich aufspielenden Talente?

Nach außen soll der Intendant sich leidlich vertragen mit mürrischen, weil finanziell klammen Kulturpolitikern sowie mit wenig enthusiastischen, weil angesichts des Zustands der Theater meist ratlosen Kritikern. Und nach innen hat er zu schaffen, seine verunsicherten Schauspieler zu künstlerischen Wagnissen zu animieren. Wenn es die noch gibt. Diesen ganzen Eiertanz sich zuzumuten, erfordert ein kräftiges Motiv. Dass es die Aussicht auf politische Wirksamkeit sein könnte – daran mögen nur besonders närrische Gemüter noch festhalten.

Erwartet werden also frohgemute Beweger wider alle Erfahrung, wenn an mehreren großen Bühnen der deutschen und Schweizer Schauspielhäuser in den nächsten zwei, drei Jahren Veränderungen in der Leitung bevorstehen. Für das rege Kommen und Gehen der Theaterdirektoren, von dem die Vieltheaterstadt Berlin einmal ausgenommen bleibt, sorgen mehrere aktuelle Personalentscheidungen: Am Hamburger Deutschen Schauspielhaus wird Tom Stromberg 2005 abgelöst von dem langjährigen Stuttgarter Schauspielchef Friedrich Schirmer, der seinerseits ersetzt wird von Hasko Weber. Matthias Hartmannn wird Bochum aufgeben, um – nach einer Interims-Spielzeit 2004/05 – in Zürich die Position von Christoph Marthaler zu übernehmen, während Elmar Goerden, als Regisseur eine Stütze an Dieter Dorns fast allabendlich ausverkauftem Münchner Residenztheater, im Herbst Hartmanns Platz in Bochum besetzen soll.

Noch immer gilt die Leitung von Theatern vorwiegend als ein Männer-Metier – in Düsseldorf aber ist es Frauensache: Dort wird Anna Badora nach zehn Jahren die Generalintendanz des Schauspielhauses aufgeben und ihr 2006 dann Amélie Niermeyer folgen, die derzeit das Theater in Freiburg leitet.

Moderate Erneuerer gesucht

Viele Namen, doch nicht in jedem Fall werden diese Personalrochaden auch eingreifende Kurswechsel bedeuten. Anna Badora (52) hatte in Düsseldorf Theater gemacht, das sich ohne allzu viel Furore auf die Inszenierung klassischer oder zeitgenössischer Dramen gründete. Und nicht auf „post-dramatische“ Performances. Mit Amélie Niermeyer (38) wird sich das im Grundsatz nicht ändern. Sie hatte vor gut einem Jahr ihre Intendanz in Freiburg eröffnet mit einer vom Publikum schnell angenommenen, die Abgründe des Stücks vielleicht ein wenig zu locker-elegant überspielenden Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ – und war dann sehr bald mit einer Finanzkrise der Stadt konfrontiert worden, die sich, bis zur Existenzgefährdung, auch auf den Etat des Theaters auswirkte. In dieser Situation hat die vergleichsweise junge Intendantin Anspruch und Interessen ihres Dreispartenhauses mit einer Mischung aus Leidenschaft, Entschiedenheit und diplomatischem Geschick behauptet.

So gelang es ihr, die Öffentlichkeit und die Medien weit über Freiburg hinaus auf die Seite des Theaters zu ziehen und damit der Stadtregierung mindestens eine Verschiebung der vorgesehenen Kürzungen abzutrotzen. Mit dieser Energie sollte Niermeyer, eine zuvor in München und Frankfurt reüssierte Schauspiel-Regisseurin, sich auch in Düsseldorf wieder durchsetzen können.

Auch der nach Bochum berufene Elmar Goerden wird der von Matthias Hartmann (40) kultivierten Zuneigung zu tradierten wie zeitgenössischen Stoffen kein grundlegend anderes Programm entgegensetzen. Goerden, gleichfalls 40-jährig, der sich zudem als ein von Anselm Kiefer beeindruckter Bildender Künstler hervorgetan hat, war zunächst von Dieter Dorn (68) für dessen Nachfolge am Münchner Residenztheater vorgesehen. Dort haben Inszenierungen von Corneilles in Deutschland kaum gespielter „Rodogune“, von Shakespeares „Titus Andronicus“ und zuletzt von Lessings „Nathan“ (beginnend auf dem Airport in Tel Aviv) Goerdens Fähigkeit bewiesen, große klassische Stoffe so zu erfassen, dass sie auch durchlässig werden für heutige Erfahrungen. Nachdrücklich bekennt er sich zu Idee und Praxis des Ensemble-Theaters, zu den Schauspielern, durch die – und nicht den Regisseur – das Ereignis Theater behauptet und beglaubigt werde. Bochum, das schon unter Hartmann zu einem Exempel des „funktionierenden“, vom Publikum geliebten und von der Kritik beachteten deutschen Stadttheaters in der Postpost-Peymann-Ära geworden ist, Bochum könnte wieder Glück haben mit dieser Wahl.

Hat aber nicht Hasko Weber noch mehr Glück mit seiner Berufung als Erbe Friedrich Schirmers in Stuttgart? Das Stuttgarter Publikum gilt als das beweglichste im ganzen Land, es geht mit seinen Theatermachern (auch zu ihnen zählte ja Peymann selig) die weitesten Wege, vor allem auch die schwierigen. Man hat Weber, auch er ein gerade 40-Jähriger, früh, noch vor der Wende, in Dresden kennen lernen können, als er sich einmal an Schillers „Kabale und Liebe“ noch mit zerstörerischem Furor betätigte. Viel später hat seine, auch im Westen gezeigte Aufführung von „Wallenstein“ erwiesen, wie er sich zu einem genaueren Leser der Texte entwickelt hat, mit einem scharfen Sinn für die politischen Spannungsgehalte des Stoffs. Von Schirmer nach Stuttgart geholt, hat er dort zuletzt Ibsens „Peer Gynt“ inszeniert als ein Theater der Erinnerung: Peer, zwischen Bahnhofsschließfächern, die Abenteuer seines Lebens rekonstruierend, durch das im Gedächtnis bewahrte Material sich rückverwandelnd in den, der er einmal gewesen war.

Die Rochade ist kein Roulette

Weber ist – wie Hartmann, Goerden, Niermeyer – ein Regisseur von integrierender Kraft für das Ensemble. Und einer, dem das Erzählen von Geschichten auf der Bühne wichtig ist. Tatsächlich scheiden sich an der Frage des dramatisch erzählenden Theaters die Geister. Tom Stromberg (43) und die meisten seiner Regisseure in Hamburg halten davon so wenig wie noch immer Elisabeth Schweeger (49) in Frankfurt/Main. Oder wie in Zürich, auf freilich sinnfälligere, sinnlichere und künstlerisch reichere Weise, auch Christoph Marthaler (52), dessen Regisseurinnen und Regisseure allerdings kaum je das Niveau ihres Übervaters erreichen. Ein Teil der deutschen Theaterkritik aber hat diese Theaterleute, deren Gefolgschaft sich zwischen Basel und Hannover auch schon in der Provinz (zum Beispiel in Heilbronn) großtut, in ihrer Haltung zur selbstreferentiellen Beliebigkeit beim Dekonstruieren und Zerspielen dramatischer Texte immer wieder bestärkt. So konnte Zürich selbst in einer schwächeren Saison noch in Kritikerumfragen zum „Theater des Jahres“ werden – und dabei eine Publikums-Auslastung von 37 Prozent haben.

Auffällig an den Berufungen neuer Intendanten ist, dass die Politiker für die jüngste Drehung des Karussells eben dieser Kritik nicht gefolgt sind. Matthias Hartmann, der als regieführender Intendant in Bochum Botho Strauß oder Beckett (mit dem intelligent seriösen Harald Schmidt) in keineswegs „glatter-konventioneller“ Weise gespielt hat, wurde von manchen Kritikern immer wieder zu Unrecht abgetan. Das aber hat nicht verhindert, dass ihm sowohl die Fortsetzung seiner Bochumer Arbeit als auch das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das Frankfurter Schauspiel und das Züricher Schauspiel angeboten wurden. Und nachdem Hartmann sich zusammen mit seinem klugen Dramaturgen Thomas Oberender aus guten Gründen – nicht zuletzt der instabilen politischen Verhältnisse in Hamburg wegen – für Zürich entschieden hatte, bekam nicht ein junger Stürmer mit fliegendem Atem, keiner der Dekonstruktivisten, die große Hamburger Bühne, sondern der selbst nicht inszenierende, aber verlässliche Ermöglicher Friedrich Schirmer.

Von all den Erwählten hat Schirmer (52) die wahrscheinlich schwierigste Aufgabe. Er übernimmt einen von Stromberg ästhetisch weitgehend verwüsteten Schauplatz. Zwar wird es auch Matthias Hartmann in Zürich nicht leicht fallen, die Zuschauer zurückzuholen, die verprellt wurden von der mitunter allzu selbstgefälligen, jetzt am Theater und in der Stadt gegen den designierten neuen Mann Stimmung machenden MarthalerTruppe. Doch Schirmer hat es neben einer ähnlich schwierigen Herausforderung in Hamburg auch noch mit der Konkurrenz des von Ulrich Khuon (52) geschickt positionierten und künstlerisch erfolgreichen Thalia Theaters zu tun. Allerdings verfügt Schirmer, der in seinen zehn Jahren in Stuttgart einst auch Elmar Goerden entdeckte und entwickelte, über ein belastbares Netzwerk von Regisseuren und Schauspielern. Dennoch sagt er: „Es braucht drei Jahre, um das künstlerische Profil eines Theaters aufzubauen. Und das zweite Jahr ist immer das schwierigste.“

Auch in Heidelberg und in Mannheim laufen die Verträge der Intendanten Günther Beelitz (65) und Ulrich Schwab (63) aus, und durch den Wechsel Amélie Niermeyers nach Düsseldorf ist nun ihre Position in Freiburg zu besetzen. In Frankfurt wird schon offen darüber gesprochen, ob der im kommenden Frühsommer kündbare Vertrag von Elisabeth Schweeger prolongiert werden sollte. Würde man ihn nicht verlängern, müsste wohl zuerst Frankfurts Kulturdezernent Nordhoff weichen, der mit seiner Beteiligung an dem Versuch der Vertreibung des international renommierten Ballettchefs William Forsythe jeden Kredit verspielt hat. Nordhoffs Ablösung steht allerdings bevor und mit Felix Semmelroth, dem Leiter des Büros von Oberbürgermeisterin Petra Roth, ein kompetenterer Nachfolger schon bereit. Auch für das Schauspiel? Es gibt da allerhand kühne Ideen, sogar eine verwegene Anfrage bei Peter Stein.

Besonders reich an intendablen Theaterleuten ist die Szene seit langem nicht. Der Bedarf ist größer als das Angebot. Die einen verlassen ihre Wirkungsstätten und gehen weiter, an immer größere Häuser. Andere sind als Intendanten vorerst am Ende. Oder engagieren sich – in Afghanistan. Dort soll Tom Stromberg, der Landessprache fließend mächtig, beim Wiederaufbau, ja: des Theaters helfen. Im Auftrag der Bundesregierung.

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