Kultur : Durchgangsorte des Lebendigen - Skulpturen von Erika Schewski-Rühling

Katrin Bettina Müller

Träumen sie, schlafen sie? Fließt der Fluß, den sie so sanft hinuntergleiten durch das Diesseits oder Jenseits? Im "Strom" der vierzig kleinen Tonfiguren, die Erika Schewski-Rühling auf alten, angeschlagenen Backsteinen gebettet hat, treiben die Assoziationen nicht minder schnell als das Wasser. Hingegeben an die Kraft, die sie alle in eine Richtung zieht, fällt von den einzelnen Gestalten die Mühe um Ausdruck und die Anstrengung des Seins ab. Vielleicht waren sie eben noch ein Strom Flüchtender, die sich jetzt dem Schlaf anvertraut haben. Ihre Körper sinken tiefer und kehren dabei zum Amorphen und Ungestalten zurück.

Der Ton, aus dem die Bildhauerin Erika Schewski-Rühling die kleinen Körper geknetet hat, lässt dabei alle Eigenschaften eines Klumpen Erde sehen: spröde, rissig und trocken oder feucht glänzend und glatt. Die Anmutung der formbaren und veränderlichen Skizze hält an. Mit einer großen Ruhe beschreibt Erika Schewski-Rühling das Leben in ihren Skulpturen. Als ob der Ton, aus dem man schon Jahrtausende, bevor es um die Begriffe "Kunst" und "Individualität" ging, menschliche Gestalten formte, eine eigene Weisheit in sich trüge. Aus seinen Scherben lesen die Archäologen die Entwicklung vergangener Kulturen ab. So folgt das Fragmentarische der Skulpturen einer dem Material eigenen Logik.

Kategorien der Aktualität entzieht sich das "Feld (Scherben)", das die Künstlerin seit 1995 immer wieder neu aus zerstörten Gefäßen und Hohlformen von Köpfen, Händen, Füßen und Rümpfen zusammenlegt. Im Kolbe-Museum ist es nach den Farben der Erden geordnet, die vom kalkigen Weiß bis zu einem warmen Rot reichen.

1996 entstand eine dokumentarische Installation aus Porträtzeichnungen und Interviewtexten, in denen die Künstlerin einem Einschnitt in das Leben nachging, der kaum thematisiert wird: dem Wechsel in den Ruhestand. Die Ausstellung, die das Kolbe-Museum anläßlich ihres 65. Geburtstages zeigt, markiert auch den Abschied der Professorin von der Hochschule der Künste. Sowohl in Installationen, die sich auf ihre Biografie beziehen, als auch in überarbeiteten und neugeordneten Skulpturen interpretiert sie ihre eigene Vergangenheit noch einmal. Durch dieses Zusammenbiegen von Gegenwart und Geschichte erhalten die Arbeiten nicht nur metaphorisch, sondern ganz konkret einen Resonanzraum in der Zeit.

Ihre großen Figuren sind wie Gefäße gebaut, die von mehr als einem Leben bewohnbar scheinen. "Behälter" heißt schlicht eine Gruppe sechs lebensgroßer und geschlossenen Körper, die mit großer Vereinfachung Abstand nehmen von der Individualisierung. Sie sind Durchgangsorte des Lebendigen. Den Prozess des Aufbauens der Plastik aus Schichten und Bändern aus Ton läßt die Bildhauerin nicht nur sichtbar werden, sondern sie entwickelt daraus ihr Thema des Umhüllens und Beschützen.

In den Sonderausstellungen des Kolbe-Museums sind Künstlerinnen ebenso oft präsent wie ihre männlichen Kollegen. Das ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, selbst bei kleineren Museen. Die jüngere Kunstszene bemängelt zwar, dass das Berliner Bildhauer-Museum zu eng am tradierten Begriff der Skulptur festhält. Doch dafür erhält hier die spezifische Langsamkeit des Mediums Raum, die mehr zum epischen Erzählen als zum schnellen Kommentieren neigt. Gelassenheit kann manchmal sehr befreiend sein.Georg-Kolbe-Museum, bis 1. Mai; Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr. Katalog 20 Mark.

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