Kultur : Durchs rote Telefon

Isabel Herzfeld

Sie sang die "Frau" in der Uraufführung von Nonos "Intolleranza". Sie wirkte am Tonband für "La fabbrica illuminata" mit. Ihr Freund Adorno war es, der sie auf Dieter Schnebel aufmerksam machte. Später steuerte sie Maßgebliches für dessen "Maulwerker" bei. In Rom gründete sie das "Colloquium musicale", in Gelsenkirchen und Wiesbaden leitete sie experimentelle Theaterwerkstätten: Carla Henius war in den sechziger Jahren die Koryphäe der Neuen Musik, als Sängerin, Dramaturgin, Pädagogin und Essayistin.

Doch ihr Loblied wollte Carla Henius zum Anlass der Übergabe ihres Archivs an die Berliner Akademie der Künste nicht singen lassen. Stattdessen wurde ein langer betrüblicher Klagegesang angestimmt, ein Lamento über geldgierige Veranstalter, korrupte Komponisten und ein faules, desinteressiertes Publikum. Wie Henius in einer beispiellosen "Kultur der Hartnäckigkeit" vom "Roten Telefon" aus Zukunft durchsetzte, das gebe es heute nicht mehr, meint Johannes Kalitzke. Der Komponist und Dirigent, der Künstlerin durch lange Zusammenarbeit "im Revier" Gelsenkirchen verbunden, plädierte für "Minderheitenschutz" zu Gunsten des Experiments, des Unbekannten und Unbehaglichen.

Es stimmt schon: Ein großer Opernauftrag an einen Komponisten wird nicht besser bezahlt als die Dekoration für die Drei Tenöre, und ein Stargast in "Wetten dass" kostet so viel wie die gesamten Donaueschinger Musiktage. Demokratie, als Macht der Massen verstanden, ist frei nach Peter Sloterdijk nicht gut für die Kunst. Neue Technologien begünstigen die Flucht in Scheinwelten, Kuschelklassik ist da nicht mal das Schlimmste. Gerhard Rohde, renommierter Musikpublizist, schiebt nach: Demokratie muss sich an ihrem Umgang mit Minderheiten messen lassen - und das bedeutet Gleichrangigkeit der Ansprüche, also eben nicht 100 000 Stunden James Last für 100 000 James Last-Fans und nur eine Stunde für den Schönberg-Hörer.

Schade nur, dass die Veränderungen in der Neuen Musik selbst, ihre immer differenzierteren (Vermittlungs-) Formen und Hörerschichten, kaum ins Auge gefasst wurden. Schade auch, dass die Person des Anstoßes kaum zu Wort, geschweige denn zu Tönen kam. "Quantität war mir immer schnuppe", sagt die Frau, die als erste Wolfgang Rihms "Lenz" nachspielte und "Punch and Judy" von Harrison Birtwistle nach Deutschland holte. Und legt nach: "Der ausverkaufte Covent Garden eine Minderheit im Vergleich zu einem vollen Fußballstadion? Schwachsinn!"

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