Kultur : Durchs wilde Vilnius

THEATER

Rüdiger Schaper

Man stelle sich vor: „Starlight Express“ ohne Rollschuhe! Oder „Faust“ ohne Pudel! Das Kleistuoliai-Theater aus Vilnius bringt das freche Kunststück fertig, Volker Ludwigs legendäres Berliner Untergrund-Musical „Linie 1“ ohne U-Bahn zu spielen – weil es in der litauischen Hauptstadt keine Metro gibt.

Nun, in der berühmten „Endstation Sehnsucht“ rattert ja auch keine richtige Straßenbahn über die Bühne, und so (ähnlich) haben die Litauer in der Regie von Aidas Giniotis ihre Adaption der „Linie 1“ in den Trolleybus verlegt – in die Fantasiewelt einer jungen Ausreißerin, die eines Tages mutterseelenallein in Vilnius steht und auf ihren Traummann wartet. Reg el Nr. 1: Von Vilnius träumen verboten! nennt sich die baltische Grips-Variante (Premiere war im März 2001). Dabei ist das Original fast jederzeit wiederzuerkennen – gerade wegen der landestypischen Veränderungen. Spiegelverkehrt: Die sprichwörtlichen „Wilmersdorfer Witwen“, beim Grips bekanntlich alte Nazi-Schachteln in Pelzmänteln, sind zu Witwen kommunistischer Parteiführer mutiert. Und genauso giftig-anachronistisch drauf. Der Typ, der in der Ur-Fassung das Landei drogensüchtig machen will, ist jetzt ein Menschenhändler: Er verkauft junge Litauerinnen als Prostituierte ins Ausland. Und statt der guten, alten, fettigen Berliner Curry-Wurst kauen die einsamen Seelen hier neumodische Hamburger.

In nur zwei Stunden Spielzeit ohne Pause rauscht der Traum-Bus durch Vilnius. Und das Tempo bekommt der Story nicht schlecht. Eine Ensemble-Szene wie der Aufstand gegen die Fahrkartenkontrolleure – im Grips-Theater eine kleine Weltrevolution! – sind hier über jeden (linken) Kitschverdacht erhaben. Auch das Happy-End fällt deutlich knapper aus: Da ist eben der Traum des blonden Mädchens mit dem rührend-verlorenen Blick ausgeträumt. Doch wenn Maria, das hässliche Entlein mit dem großen Herz, ihre Hymne singt („Deine Trauer wird vorbeigehn“), dann spätestens spürt man die unzerstörbare Kraft dieser „Linie 1“, die 1986 im Grips-Theater uraufgeführt wurde und seither mit den Melodien von Birger Heymann um die halbe Welt gegondelt ist. Eine Besonderheit der Litauer: Die Schauspieler nehmen selbst die Instrumente in die Hand. Und sie schleppen die Kulissen, die Gebäude in der Altstadt von Vilnius vorstellen. Da kommt ein Grips-Stück auch einmal in eine katholische Kirche!

Grips-Chef Volker Ludwig hat lange an der Realisierung dieses Gastspiels gearbeitet, mit Unterstützung der Schering-Stiftung und des Goethe-Instituts wurde es möglich (Schiller-Theater Werkstatt, bis 13. September, 19.30 Uhr ). Die Litauer ließen sich von Grips-Schauspieler Thomas Ahrens, einem Veteranen der „Linie 1“, beraten und fanden einen eigenen, lapidaren Ton – eine Art märchenhaften Realismus. Spielort des Kleistuoliai-Theaters (was so viel wie „Theater der Sonderlinge“ bedeutet) ist in Vilnius übrigens eine ehemalige „Prawda“-Druckerei. Und wenn man auch noch nie in der Hauptstadt Litauens war, hat man nach dieser Vorstellung doch das Gefühl, eine Menge von Vilnius gesehen zu haben: im Vorüberfahren.

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