Kultur : Dutzi, dutzi

Hinterfotzig: Gerhard Polt bei den Wühlmäusen

Thomas Lackmann

Der schlendert auf die Bühne, kratzt sich die Wange. Hand in der Tasche. Seine Protagonisten sind verlegen und verquatscht zugleich: hypochondrische Nostalgiker, verkniffene Optimisten, kichernde Stammtischhysteriker, selbstbewusste Gammelfleischgrossisten, CSUDevotionalien-Sammler, biedere Vorgarten-Menschenhändler. Seine Sprache ist der gewöhnliche Flickerlteppich aus abgerissenen Gedanken, Über-Ich-Gestammel, verknoteten Halbsätzen, zerdepperten Kopfbausteinen, verkanteter Grammatik. Sein Wortschatz ist das Hochdeutsch-Bayerische, im Notfall übersetzt, angereichert mit rustikalen Anglizismen („eine Okkasion“, „bei Äbai ersteigert“): die konservative Moderne.

Gerhard Polts neues, titelloses Programm präsentiert das bewährte Panoptikum des verdienten Ethnologen: bajuwarische Nebenmenschen. Seine MonologHelden sind hinterfotzige Klemmis, sein Metier ist die Rache des kleinen Mannes. Er knattert keine Pointen runter. Er quält das schenkelschlagende Comedy-Publikum mit verdrucksten Redundanzen. Da nimmt einer Anlauf, um umständlich fast nichts zu sagen: So spricht man eben gewöhnlich miteinander. Polt als Urviech und Urgestein des Brettl-Olymps attackiert keine Tagespolitik. Im aktuellen Fall jenes schwäbischen Regierungschefs, der nie persönlich Nazi gewesen sein möchte oder so ähnlich, darf man das bedauern. Polt menschelt grimmig, manchmal (zu) milde wie der späte Hüsch; er mikroskopiert jenes soziologische Biotop, das vorzeiten „alltäglicher Faschismus“ genannt wurde. Seine satirische Überkugelung bleibt sparsam dosiert. Wo der Mensch Adolf als Münchner Konditoreigast zu einem Baby ohne jeden Führersound „Dutzi, dutzi“ macht, wo Freund Rudi die Thaifrau an sich als „anmutig, aber nicht haltbar“ qualifiziert, erscheint potenzielle Realität schräg genug. Polts Prototyp ist das opportunistische Würstchen: Moralische Argumente bedienen den privaten Vorteil. Seine Trittbrettfahrer verstrahlen gemütliche Kälte. Bavaria is everywhere.

Wühlmäuse, bis 17.4., ausverkauft!

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