Kultur : Dynamische Höllenfahrt

SANDRA LUZINA

Gehören das verlorene Paradies und die Hölle immer noch zum symbolischen Inventar, mit dessen Hilfe sich gegenwärtige Erfahrungen deuten lassen? Der Amerikaner Stephen Petronio hat mit 42 Jahren seine erste abendfüllende Choreographie geschaffen, angeregt vom "Inferno" aus Dantes "Göttlicher Komödie" .Mit seiner Produktion "Not Garden" wurde im Hebbel-Theater der "Tanz im August" eröffnet.Petronio ist einer der führenden, aufregendsten Choreographen der amerikanischen Postmoderne.Seine Produktionen zeichnen sich durch ungewohnte Agressivität, physisches Risiko, hochdosierte Energie sowie irrwitziges Tempo aus.Er steht im Ruf des Provokateurs.Selbst eine extravagante Erscheinung, hüllt er seine Tänzer gern in schrille, gewagte Outfits.Dressed to Thrill: der tanzende Körper ist nicht mehr geschlechtlos wie oft im amerikanischen Tanz; es ist vor allem der bewegte Mann, der sich offensiv und mit Lust an der Maskerade als sexuell definiert, der ein Spiel mit Geschlechtsrollen und -identitäten anzettelt.Nun aber unternimmt Petronio unter Verzicht auf allen modischen Chichi einen Rückblick und Abgesang auf das 20.Jahrhundert.Ein katastrophisches Säkulum deutet er im Horizont älterer Traditionen, Plato und Dante werden bemüht.

"Not Garden" eröffnet mit einem Solo zum Ave Maria von Bach / Gounod.In schlichter Tunika und weiten Hosen ähnelt Petronio einem Mönch.Sein spezifischer Stil ist sofort zu erkennen.Die scharfen Beinbewegungen, die abrupten Attacken kontrastieren mit der enormen Beweglichkeit und Flexibilität des Torsos.Auffällig die schaufelnden Motionen mit den Armen.Ein schwarzes Loch verschluckt die Silhouette des Tänzers, auf der Gaze-Leinwand erscheint ein NO, das sich zum NOT erweitert.Ein großes Nein will Petronio der Welt entgegenschleudern.Seine nächste Arbeit ist "The No Project" betitelt.Mit Adolf Hitler beginnt eine Auflistung von Namen historischer Übeltäter, die das Jahrhundert zum Inferno werden ließen oder zumindest derjenigen, die nach Petronios Auffasung ein Anrecht auf die ewige Verdammnis haben.Schon Dante hat seine Sünder und Verdammten namentlich aufgeführt; hier folgt nun auf Stalin Margaret Thatcher, every president (jeden Präsidenten wünscht der Choreograph zur Hölle), den Modeschöpfer Calvin Klein gleich dazu.Der Tanz der Buchstaben offenbart die Relativität der Maßstäbe.Ein Sprachspiel? Die Tänzer im Hemdchen muten zunächst wie arme Büßer an.Zu den Techno-Klängen David Lintons kommen sie in Fahrt.Das Zusammenspiel von Tanz, Musik und Video versetzt den Zuschauer in Trance.Elektronische Bilder zeigen Errungenschaften der technischen Zivilisation.Kreatürliches wirkt merkwürdig denaturiert, der Unterschied zwischen Natur und Technik ist eingeebnet.Virtuelle Welten, die jedoch nicht künstlichen Paradiesen gleichen, tun sich auf.Die Bilder lösen sich in farbige Pixel auf, gehen ineinander über.Bewegungsmotive des anfänglichen Solos werden ausgefaltet, in immer neue Strukturen auslegt.Der Tanz bewegt sich nun auf einem hohen Energielevel; die Bewegung hat immer etwas Unvorhersehbares.Pfeilschnell schießen Arme und Beine in die Luft, die Bewegungen haben die Schärfe eines Schnappmessers, die Elastizität eines Gummibandes.Mit Schraub- und Kippbewegungen zerpflügen die Tänzer den Raum.

Petronio löst Reihen und Symmetrien auf, überführt sie in komplexe Raummuster.Er kombiniert Beschleunigung und Stillstand.Die acht Tänzer zeigen trotz des enormen Tempos eine schöne Leichtigkeit.Die hypnotischen Videobilder beschwören eine technische Zivilisation herauf, die die Schwelle der Selbstzerstörung erreicht hat.Die Bewegungen scheinen diese Gefährdungen zu reflektieren, etwa wenn Tänzer Grenzen der Bewegungsfähigkeit austesten und einander rüde manipulieren.Dennoch besitzen die Bilder und Bewegungen einen hohen ästhetischen Reiz.Der zweite Teil gleicht dann einer Bewegungsmeditation.Zu den sphärischen Klängen von Sheila Chandra kreiseln die Tänzer in einem kosmischen Tanz über die Bühne.Die projizierte Malerei von Stephen Hannock mit ihrem gleißenden Spiralwirbel rückt die Szene ins Esoterische.Ins Wabern und Wallen verfällt der Tanz dennoch nicht, - dazu ist Petronio zu versiert.Die Bewegungen des Ensembles ebben ab.Der angeseilte Petronio kippt von der Vertikalen in die Horizontale.Am Ende findet der Choreograph sein Heil im Stillstand.Als Lossagung von allem Fortschrittsdenken - so läßt sich die Schlußszene verstehen.Dennoch ist es bei weitem aufregender, dem Choreographen bei der hochdynamischen Höllenfahrt zuzusehen.

Noch einmal: heute um 20 Uhr im Hebbel-Theater

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