Kultur : "Dynamo Kiew": Was macht Blochin?

Silvia Hallensleben

Damals waren sie richtige Stars, die Jungs von "Dynamo Kiew". Umjubelt von Fans, argwöhnisch hofiert von der Staatsmacht, umworben auch vom Rest der Sportwelt, die den Stürmer Oleg Blochin 1975 - gegen Johan Cruyff und Franz Beckenbauer! - zum europäischen "Fußballer des Jahres" kürte. Geradewegs in den Fußballolymp ging er ein mit dem Tor, das er im selben Jahr gegen den "FC Bayern" im Finale des Supercups schoss. Der junge Linksaußen zeigte eine leichtfüßige Solovorstellung, die auch heute noch durch tollkühnen Spielwitz ebenso wie Technik besticht. Ein neuer Fußballgott, geboren aus harter Arbeit und für damalige Zeiten revolutionäre wissenschaftliche Trainingsmethoden.

Auch dieses Tor ist zu sehen in dem Dokumentarfilm, den die Filmemacherinnen Alexandra Gramatke und Barbara Metzlaff über das Damals und Heute der ehemaligen sowjetischen Starmannschaft gemacht haben. Manches andere rare Material haben sie aus den Archiven gezogen. Und, für den Ausblick ins Heute, ihre Helden in Kiew und anderswo besucht.

Die Stadt ist heute Hauptstadt der Ukraine. Der Verein ist privatisiert, die Alt-Stars kicken in der Altherrenmannschaft. Ex-Verteidiger Reschko arbeitet als Polizist, andere Spieler sind Sportlehrer geworden. Blochin ist nach 1989 als Trainer nach Griechenland gegangen. Arm sind sie alle nicht, die Helden von damals, reich aber noch weniger. Und im neuen Kontext scheinen die früheren Werte und Privilegien wie ein höhnischer Abgesang auf eine untergegangene Welt: "kollektive Schnelligkeit" und Planerfüllung; Zwei-Raum-Plattenbauwohnung, Wolga und Reisen ins Valuta-Ausland, selbstverständlich immer in kompetenter Begleitung. Kontakte knüpfen mit Land und Leuten, sich gar absetzen: Dazu hatten die Spieler auf den durchorganisierten Routen zwischen Flughafen, Hotel und Stadion keine Chance. Nur einkaufen durften sie. Die Ergebnisse dieser Beutezüge machten die Elf zumindest in Sachen Mode zur sowjetischen Avantgarde. Und: Ausstrahlung hatten sie. "Dynamo Kiew" blickt auch nostalgisch auf eine Zeit, als Fußballspieler noch richtig sexy waren. - Kleine Einwände am Rande: Die Bildqualität hat offenbar beträchtlich unter den schwierigen Drehbedingungen gelitten. Schade auch, dass der russische O-Ton durchgehend deutsch übersprochen wird. Ob man damit entsprechende Landessitten kopieren wollte?

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