Kultur : Eber, Eber, Arbeitgeber

Schlachteplatte: Uraufführung von „Blutiges Heimat“ am Gorki Studio

Jan Oberländer

Die erste Minute ist schlimm. Licht aus, Ton ab. Aus den Lautsprechern gellen Schweineschreie: Grunzen, Quieken, man weiß nicht, ist es Angst, Schmerz oder Brunst. Ein dissonanter, bestialischer Chor. Dann Stille, Licht. Da stehen sie, die Schweine, die Menschen. Ihre rosa Plastikmasken fliegen bald in die Ecke, der gegelte Ober-Eber grunzt trotzdem weiter, während er einen riesigen Fleischklumpen in Stücke schneidet.

Der hölzerne Hackklotz steht im Zentrum von Susanne Chrudinas Uraufführungsinszenierung von „Blutiges Heimat“ an der Gorki-Studiobühne. Auf diesem Gewalt-Altar wird gemetzgert und geprügelt, intrigiert und vergewaltigt, in ihm stecken Beil und Fleischermesser. Das Geschnetzelte bleibt als permanente Drohung den ganzen Abend auf dem Klotz.

Willem heißt er, der Schlachter (Julian Mehne). Sein Mastbetrieb ernährt das Dorf, er ist der einzige Arbeitgeber, alle sind abhängig von ihm. Sein Bruder Johann (Silvio Hildebrandt) ebenso wie das Schwesternpaar Marina (Vera Teltz) und Doris (Esther Esche). Nur Eva (Simone Kabst) ist freischaffend, sie ist die „Hur“, die Außenseiterin. Willem begehrt sie trotzdem, Liebe und Herrschsucht sind für ihn dasselbe. Als Eva Doris’ Ehemann (Jörg Becker) zum Tanzen auffordert, setzt sie einen Prozess aus Eifersucht und Brutalität in Gang, der auch die nicht sehr romantische Jugendliebe zwischen Evas Tochter Katja (Julia Philippi) und dem zurückgebliebenen Stephan (Gunnar Blume) zerstört. Am Ende steht ein Tyrannenmord, der niemanden befreit, schon gar nicht von dem Angstgefühl, das man hier Heimat nennt.

Es ist eine Schlachteplatte, das Debütstück der 1982 geborenen Theaterautorin Juliane Kann. Allerdings eine überzeugend umgesetzte: Irgendwann gewöhnt man sich an das viele rohe Fleisch. Viel beklemmender sind die Vergewaltigungsszenen, Willems Würgegriffe, Eva in zerrissenen Strumpfhosen. Die Schiebetüren im Hintergrund von Halina Kratochwils Bühne, die Wohnungen der Dorfbewohner stehen immer offen. Irgendwer schaut immer hin.

„Blutiges Heimat“ wurde im vergangenen Jahr zum „Stückemarkt“ des Berliner Theatertreffens eingeladen und dort als szenische Lesung eingerichtet. Zwar ging der Preis des Nachwuchsforums an ein anderes Stück, Juliane Kann wurde jedoch ausdrücklich lobend erwähnt, nicht zuletzt wegen ihrer speziellen Kunstsprache, einem Mix aus Hinterwald und Pathos, voll von über die Zunge stolpernden Sätzen, voll von grammatischem Inzest, der zusammenfügt, was sich nicht gehört – wie schon der Titel zeigt. Die Sprachlosigkeit der beschriebenen Welt noch einmal derart radikal zu spiegeln – eine mutige Entscheidung. Auf der Bühne allerdings bewährt sie sich an diesem Abend im Gorki-Studio noch nicht, trotz der Selbstreflexivität etwa durch Willems ständige „Halt’s Maul!“-Rufe und eine abgebissene Zunge.

Vera Teltz in ihrer geblümten Kittelschürze (Kostüme: Hanne Günther) vermag sich Kanns Sprache noch am ehesten zu Eigen zu machen. Sie geht mit ihr um, klingt mal prollig, mal verschlagen. Aber auch bei ihr geschieht es mitunter, wie bei den anderen, dass die Sätze künstlich klingen, die Stimmung nicht hält. Schade zudem, dass bisweilen unnötige Pointen aus dem durchaus ernsthaften Text herausgespielt werden, oder dass ein unnötiger comic relief eine eigentlich tragische Szene dem Kichern des Publikums preisgibt.

Andererseits: Kann man eine so hermetische (wenn auch in sich stimmige) Versuchsanordnung überhaupt mit Leidensmiene betrachten? Das Stück bleibt ein Guckkasten, ein rohes Neandertal-Nirgendwo voller überzeichneter, dumpfer Figuren. Man ist versucht zu sagen: eine Parallelgesellschaft.

Gorki-Dramaturgin Gesine Schmidt hat nicht nur „Blutiges Heimat“ betreut, sondern auch Andres Veiels Doku-Stück „Der Kick“ über den Mordfall von Potzlow mitentwickelt. Auch hier wird ein beklemmender, brutaler Dorfkosmos gezeichnet, auch hier sprechen die Figuren ihre eigene, grobe Sprache. Aber bei Veiel sind sie keine Schweine. Sie sind Menschen.

Wieder am 11., 17., 22. und 27. April

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