Kultur : Eberhard Diepgen: Der Stadtvater

Gerd Nowakowski

"Die Flucht aus der Verantwortung liegt mir nicht", sagte Eberhard Diepgen Ende Mai. Da wollte der Regierende Bürgermeister die Krise noch nicht zur Kenntnis nehmen. Jetzt ist ihm die Verantwortung genommen worden - er ist abgewählt. Sechzehn Jahre im Amt, 17 Jahre als CDU-Landesvorsitzender, über 30 Jahre als Abgeordneter: Der politische Dauerläufer kennt die Stadt wie kaum ein anderer. Seine Amtszeit ist länger als die historischer Stadtväter wie Ernst Reuter, Otto Suhr und Willy Brandt zusammen.

Der fleißige Aktenfresser war ein Virtuose der Machtsicherung. Über zehn Jahre lang hat er die Große Koalition zusammengehalten, die aus SPD-Sicht so ungeliebte Zwangsehe. In der Affäre um die illegalen Spenden an den Diepgen-Freund Klaus Landowsky aber verließ ihn das Gefühl für die Stimmung in der Stadt. Sein Krisenmanagement war miserabel, der Realitätsverlust schon deutlich spürbar. Viel zu spät drängte er Landowsky zum Rücktritt, ließ ihn sogar noch zum stellvertretenden CDU-Landesvorsitzenden wählen. Die SPD werde schon erneut klein beigeben, das dachte er.

Vorbei. Ein bitterer Abgang. Doch Diepgens Verdienste um die Zusammenführung der Stadt seit der Wende bleiben. Als bitterste Niederlage empfand er, dass der Mauerfall Walter Momper, den SPD-Mann mit dem roten Schal, an die Macht brachte. Überraschend war Diepgen 1989 abgewählt worden - eingeholt vom vergessen geglaubten Bestechungssumpf der Antes-Affäre. Eineinhalb Jahre später war Diepgen wieder der Landesvater, populär quer durch alle Parteien. Er kämpfte für den Hauptstadtbeschluss und den Umzug der Bundesregierung, setzte sich für die rasche Angleichung der Ost-Einkommen im öffentlichen Dienst ein und nahm dafür den Ausschluss Berlins aus der Tarifgemeinschaft der Länder hin.

Immer wurde er unterschätzt, von seinen Gegnern, aber auch in der eigenen Partei. Der "blasse Eberhard", dem der Mantel der Geschichte stets zu groß schien, erwies sich als Marathon-Mann. Als abgenutzt und verschlissen wollte ihn die SPD im Wahlkampf 1999 vorführen. Das ging schief. Die CDU verpasste Diepgen ein lockeres Image und enteilte den Sozialdemokraten locker mit dem Wahlgag "Diepgen rennt".

Anfang des Jahres präsentierte sich der in seiner eigenen Partei konkurrenzlose Diepgen beim zehnjährigen Amtsjubiläum der Großen Koalition so entspannt wie selten. Noch einmal antreten bei regulären Neuwahlen 2004, auch das schloss der 59-jährige nicht aus. Drei Wochen später wurden die Spenden an Klaus Landowsky bekannt.

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