Kultur : Ecce Effenberg!

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel übt Selbstkritik und führt Klassenkampf

Alles schön und gut, schreibt mir Leserin P. zu meiner Film und Fernsehtheorie, aber leider sei das Gegenteil richtig: „Im Kino schauen die Bilder uns an, sie blicken gleichsam zurück. Darin besteht die Macht der Bilder im Kino – schon wegen der Größe, aber nicht nur deshalb. Im Fernsehen dagegen gucken wir nur, und nix kommt retour. Oder jedenfalls viel weniger.“

Tja, verehrte Frau P., da haben Sie wohl recht. Womit ich nicht gleich einräumen will, dass ich letztes Mal, auf naturgemäß hohem Niveau, schlichten Unsinn geschrieben habe – wahrscheinlich kann man Ihre und meine Ansicht ganz nett miteinander verknüpfen. Aber ich ziehe einen anderen Schluss und bekenne, dass mein freihändiges Theoremchen über den seinsmäßigen Unterschied zwischen Film und Fernsehen (eigentlich ging es mir um eine Liebeserklärung an New York) höchlichst unterkomplex war; wie übrigens alle diese griffigen Unterscheidungsthesen, einschließlich McLuhans Schnack, Film sei ein heißes, TV ein kaltes Medium.

Seit fast vierzig Jahren wird uns dieses Zauberwort von den Adepten unverdrossen vorgebetet – eine verführerische und nichts sagende Idee, in die jeder hineinpacken kann, was er will. Ich hingegen zeige tätige Reue und lasse für diesmal ab von solch theoretisierendem Unfug, eingedenk der Maxime von David Hume: „Ein Übelstand bei allen abstrakten Überlegungen besteht darin, dass man den Gegner durch sie zum Schweigen bringen kann, ohne ihn zu überzeugen.“ Und so sitze ich also einigermaßen kleinlaut wieder in meinem Pisspott beziehungsweise Fernsehzimmer, sehe mit Unbehagen die Flammenschrift „Du sollst hier nicht herumtheoretisieren!“ an der Wand und überlege, bei wem ich meinen Frust abladen kann.

Schwerer Fall von Buchmissbrauch

Effenberg – dieser Effenberg ist mir in den letzten Wochen ein ziemlicher Schmerz im Arm gewesen. Da ich nie „Beckmann“ oder „Kerner“ sehe (übrigens auch nie „Christiansen“, ich schwöre), wiegte ich mich in der trügerischen Ruhe, diesem ubiquitären Unhold nicht in die verderbten Schweinsäuglein blicken zu müssen („Bild“ ignoriere ich erfolgreich seit zwanzig Jahren). Die vielen Zeitungsartikel über ihn waren schon genug Unheil – und dann sehe ich unschuldig „ran“, und wer taucht auf? Er hat dann eigentlich nichts Verwerfliches geäußert, und durch seine Frisur und diese Neufrau ist er ja gestraft genug, aber der tiefe Groll ließ nicht nach.

Warum hasst das Feuilleton, dem ich mich hier ausnahmsweise zuordne, Effenberg? „Man muss solche Typen bekämpfen“, schrieb sogar einer, der sich in der Regel durch konsequentes Witzeln die Probleme vom Leib hält, und zwar, weil Effenberg seinen Ekel vor einem in seinem Vorgarten schlafenden Penner ausgedrückt hatte. Aber es sind nicht nur seine rabiaten Meinungen, der wahre Grund für unsere Abscheu ist, dass diese Inkarnation des selbstbewussten Proll-Fußballers sie in einem Buch geäußert hat, unser zartes Medium mit seinen schmutzigen Fingern angrabscht: praktisch Kindesmissbrauch. Diese schönen, edlen Bücher, in denen Gedichte stehen sollten oder Romane, jetzt auch noch in den Händen der Anderen, denen doch schon das Fernsehen gehört!

Der geheime Garten

Bei Bohlen konnten wir noch süßsaure Miene zum bösen Spiel machen, denn er gab ja selber zu: „TV Makes The Superstar“ – aber Effenberg, der zweifellos nicht den Unterschied zwischen „Mein Kampf“ und dem Humanum kennt, lässt bei uns jede Form von souveräner Missachtung oder höhnischer Abfuhr in blanke Wut umschlagen. Und eben weniger dafür, was er schreibt beziehungsweise schreiben lässt, als dafür, dass er sich dreist unseres heiligen Mediums bemächtigt hat.

Dass im Fernsehen immer die Anderen das große Wort führen, von Stefan Raab bis Guido Knopp, daran haben wir uns zähneknirschend gewöhnt. Aber wenn sie jetzt auch noch in den Hortus conclusus der Echtkultur – und deren Fetisch ist das Buch – eindringen, dann müssen wir zu drastischen Abwehrmaßnahmen greifen, das bedeutet Klassenkampf! Lieber wäre es uns fast, es gäbe gar keine Bücher mehr – wie es der große Prophet McLuhan übrigens vor Jahrzehnten vorhergesagt hat –, als dass dieses vornehme Medium durch Barbaren geschändet würde.

Mit anderen Worten: In jedem Kulturträgerlein, vielleicht auch in Ihnen, steckt ein Botho Strauß, und sogar ein durchreflektierter, selbstkritischer und das Fernsehen im Prinzip verteidigender Volksfreund wie meine Wenigkeit hat dort eine weiche Stelle. Wenn die berührt wird, gibt es einen Wutausbruch: Da liegt das Fernsehen, dieser besoffene Penner, in unserem Vorgarten, wir stupsen es angeekelt mit dem Schuh, und nur um unsere Sohle tut es uns leid. Wenn wir darüber dann aber nachdenken, fällt uns auf, dass „wir nur wir“ sehen, und wir schämen uns ein bisschen über uns selbst: Ecce Effenberg.

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