Kultur : Echt inszeniert

„Parallele Städte“: Das HAU-Theater verwandelt alltägliche Orte in Bühnen

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An Platz 71 lässt es sich angenehm arbeiten, findet Nancy. Sie hat es an dieser Stelle der Produktionsstraße nicht mit komplizierten Schläuchen zu tun, sondern mit vier Schrauben, die im Takt des Bandes zu setzen sind, und ab 18 Uhr ist Musikhören erlaubt. Nancy mag Techno, aber viele Kollegen, erzählt sie, bevorzugen Hörbücher. Ein elektrisierender Gedanke. Unter welchem Einfluss entstehen die Motoren hier, in der Mercedes-Benz-Fabrik Marienfelde? „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling? Oder vielleicht Herbert Marcuse: „Der eindimensionale Mensch“? Wird nicht verraten. Viel Wissenswertes hingegen erfährt man über die Abläufe in diesem Werk. Und noch mehr über einige der Menschen, die dort arbeiten und einen als Experten des Fabrikalltags durch die Büros und Produktionshallen führen. Die Trennung zwischen Beruf und Privatleben ist dabei vorübergehend aufgehoben. Man lernt einen Mann kennen, der Bauteile zu den verschiedenen Fertigungsabschnitten fährt und in seiner Freizeit leidenschaftlich dem südamerikanischen Turniertanz anhängt. Natürlich muss er weiterarbeiten, während er erzählt. Fehlte noch, dass wegen der Kunst die Produktion ins Stocken gerät.

„La Fábrica – Die Fabrik“ hat der argentinische Performer Gerardo Naumann diese Inszenierung in realer Industriekulisse genannt. Sie ist Teil des Projekts „Ciudades Paralelas – Parallele Städte“, das der Rimini Protokoll-Regisseur Stefan Kaegi und die Künstlerin Lola Arias aus Buenos Aires für das HAU kuratiert haben. Drei verschiedene Touren führen zu acht Orten, die in gleicher Funktion in sämtlichen Metropolen der Welt existieren: U-Bahnhof, Bibliothek, Hotelzimmer, Einkaufszentrum. Nach der Devise „global denken, lokal handeln“ verwandeln die Künstler sie vorübergehend in Stadtraumbühnen. Der Besucher betritt sie wahlweise als Beobachter oder Beteiligter, oft akustisch angeleitet – Kopfhörer-Theater für Transit-Menschen.

Tim Etchells und Ant Hampton platzieren jeweils zwei Teilnehmer an einen Tisch im großen Lesesaal der Humboldt-Universität, wo sie, mit iPods ausgerüstet, von einer suggestiven Flüsterstimme auf die eigene Situation als Eindringling in diesem Raum der Wissbegierigen zurückgeworfen werden: „Du sitzt hier ohne ein offenes Buch vor dir und fühlst dich ziemlich bloßgestellt… .“ Aber im Notizbuch auf dem Lektürestapel vor einem steht der erlösende erste Satz: Am Ende liest Du doch.

Die in Hamburg ansässige Performancegruppe Ligna sendet ihre Mitwirkenden dagegen als Konsumagenten in ein Berliner Einkaufszentrum, dessen Name hier aus konspirativen Gründen verschwiegen sei. Ausgestattet mit Radioempfängern, die es vor dem hauseigenen Sicherheitsdienst zu verbergen gilt, nimmt man Teil an der „Ersten Internationale der Shopping-Malls“. Eine fröhlich-subversive Veranstaltung, die an Harun Farockis Dokumentation „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ erinnert, die zur Reflexion über das Architektur-Diktat des Einkaufszentrums und den Warenfetisch nach Marx anregt und schließlich zu wenig konformem Verhalten auffordert. Wenn man möchte, kann man natürlich auch Einkäufe erledigen.

„Ciudades Paralelas“ spiegelt in diesem bemerkenswerten Parcours der austauschbaren Orte nicht zuletzt die Situation der Performer selbst – die können, als Dienstleister eines globalen Kunstmarkts, ihre urbanen Interventionen überall vornehmen. Entsprechend wandert das Projekt weiter über Buenos Aires nach Zürich.

Einige der besten Installationen spielen dabei – ähnlich wie das ebenfalls rund um die Welt tourende Format „X-Wohnungen“ von Matthias Lilienthal –, mit dem Kitzel des Authentischen, mit einer offensiv ins Private zielenden Schaulust, die Künstler und Besucher eint. Dominic Huber macht aus sechs Wohnzimmerfenstern eines Hauses am Mehringplatz ein Simultan-Panorama für Theatervoyeure. Und Lola Arias lässt im Ibis-Hotel an der Anhalter Straße die Gespenster sprechen.

Man betritt uniforme Zimmer, in denen die Unsichtbaren, die Zimmermädchen und -boys, die Putzkräfte aus aller Herren Länder, per Brief oder Video ihre persönlichen Geschichten und die berufliche Routine schildern. Es sind Menschen, die nicht mehr zählen, wie viele Kondome sie schon weggeräumt haben und die wissen, welches die beiden am häufigsten vergessenen Dinge im Hotel sind: Handyladegeräte und Dildos. Erstere lassen sich die meisten nachschicken. Einer, Gaston aus Kamerun, fordert am Ende auf, zum Geisterseher zu werden: „Wenn du mir irgendwann auf dem Hotelflur begegnest, fass dir ans Ohr, damit ich weiß, dass du meine Geschichte gehört hast.“

Bis 24. 9., www.ciudadesparalelas.com

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