Kultur : Echt oder wahr

Frank Noack

Viel Geduld ist erforderlich, will man zeitlose Kunst von kurzlebigen Trends unterscheiden. Selbst nach Jahrzehnten ist keine Gerechtigkeit garantiert: Wanda Jakubowskas KZ-Drama Die letzte Etappe (Sonntag im Babylon Mitte) hat noch immer nicht den verdienten Klassikerstatus. Jakubowska, 1942 als Mitglied des polnischen Widerstands verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau verschleppt, tat sich 1947 mit anderen Überlebenden zusammen, um den Lageralltag vor laufender Kamera zu rekonstruieren. Der Film wurde nach seiner Uraufführung 1948 in über 60 Länder verkauft, sein Bekanntheitsgrad hält sich weiterhin in Grenzen. Den Kalten Krieg kann man dafür nicht länger verantwortlich machen. Und die feministische Filmwissenschaft hat übrigens viel Zeit damit vergeudet, einer eher mittelmäßigen Hollywood-Regisseurin wie Dorothy Arzner zu huldigen, statt an Jakubowskas Pionierleistung zu erinnern.

Die zeitgleich entstandenen Werke des italienischen Neorealismus genießen immer noch hohes Ansehen. An Luchino Viscontis Ossessione (1943) (Mittwoch im Arsenal) waren vor allem die Liebesszenen realistisch, deren Intensität Maßstäbe setzte. Und für Die Erde bebt (1947) engagierte Visconti sizilianische Fischer, die ihre Dialoge improvisierten (Sonnabend und Sonntag im Lichtblick). Um als Dokumentarist ernst genommen zu werden, muss man sich mit armen Leuten befassen und nicht mit den Reichen und Berühmten. Blödsinn, dachten sich die Brüder Albert und David Maysles und begleiteten Marlon Brando 1965 auf seiner Promotion-Tour für Bernhard Wickis „Morituri“. An Meet Marlon Brando (Dienstag im Arsenal) wird deutlich, wie mechanisch die heutigen Pressekonferenzen mit Stars ablaufen. Die Maysles-Reihe wird fortgesetzt, ein Highlight ist ihr Truman-Capote-Porträt. Die Präsenz seines Darstellers Philip Seymour Hoffman hat der echte Capote übrigens nicht.

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