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ECM : Frische Luft für heiße Hirne

10.12.2012 15:32 Uhrvon
Klangforscher. Trompeter Don Cherry und Labelgründer Manfred Eicher 1978 im Ludwigsburger Tonstudio Bauer. Foto: Roberto MasottiBild vergrößern
Klangforscher. Trompeter Don Cherry und Labelgründer Manfred Eicher 1978 im Ludwigsburger Tonstudio Bauer. Foto: Roberto Masotti

Das Hören neu entdecken: Eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst feiert Manfred Eichers legendäres Jazzlabel ECM.

Irgendwo in Italien, eine kleine Bar, nichts Besonderes: im Hintergrund Werbung für die Lotterie Nazionali, im Vordergrund ein Tisch mit karierter Decke und Tassen drauf, drumherum sitzen fünf Männer, lesen Zeitung und unterhalten sich. Später werden sie ins Auto steigen und nach Ludwigsburg fahren, um dort im Tonstudio Bauer eines von vielen legendären Alben einzuspielen: Lester Bowie, Joseph Jarman, Roscoe Mitchell, Malachi Favors Maghostus und Famoudou Don Moye – das Art Ensemble of Chicago. Die Platte wird – das Cover verspricht nicht zu viel – „Nice Guys“ heißen, und wenn man sie mal wieder auflegt, ist es immer noch ein wenig wie 1978 und auch danach bei jedem Hören: unwillkürlich entsteht das Gefühl, es könne sich ohne Gefahr für Leib und Leben die eigene Schädeldecke öffnen – und das Hirn bekäme frische Luft.

Andererseits musste eine alte Frau dafür lange stricken. Manfred Eicher sagt, er sehe sich manchmal so, wenn er auf über vier Jahrzehnte seines Labels ECM (Edition of Contemporary Music) zurückschaue: „wie eine Frau vor dem Feuer, die strickt“, und irgendwie schlössen zwanglos die Muster an, „wenn man’s einmal auf der Nadel hat“. Und die Wolle? „Wird nicht weniger“, antwortet er. Er sieht nicht aus wie ein bald Siebzigjähriger: der ewige Schnurrbart, die halblangen Haare, jetzt nicht mehr gescheitelt, sonst alles wie früher und immer, nur ein bisschen grauer.

Manfred Eicher sitzt im Münchner Haus der Kunst neben dem Direktor Okwui Enwezor, der die Ausstellung über ECM kuratiert hat (zusammen mit dem Berliner Markus Müller), und man merkt gleich, dass Enwezor im Grunde genommen gar nicht der Veranstalter dieser Schau über ECM ist, sondern einfach nur der größte denkbare Fan von Eicher. Wie Fans so sind, hat Enwezor ihm deswegen auch eine Art Hausaltar gebaut. Er steht im ersten Stock und besteht aus lauter bunt beschrifteten Pappschachteln, in denen sich die Mastertapes zahlreicher ECM- Produktionen verstecken: Carla Bley, Pat Metheny, Egberto Gismonti, Terje Rypdal, Evan Parker, Jack de Johnette. Die Pappschachteln reichen bis an die Decke und sind mit einem Eisenband gesichert, damit kein Besucher auf dumme Gedanken kommt.

Als die Sache mit dem Band erörtert wird, sagt Eicher: „Sie könnten damit eh nichts anfangen.“ Man denkt unweigerlich – um eine der Ikonen von ECM zu nennen – an Keith Jarretts „Köln Concert“ und daran, was Eicher daraus gemacht hat. Jarrett und er fanden am 24. Januar 1975 im Kölner Opernhaus einen leicht verstimmten Flügel vor. Und Jarrett war verliebt, aber sonst nicht besonders gut drauf. Eicher beschloss, die Sache einfach mal wirken zu lassen. „Manchmal“, sagt er, „muss man hören können, ohne zu wissen, was es ist.“ Später verschaffte er dem Klang von damals, der für viele Leute ein Ewigkeitsklang wurde, einen Raum, den er eigentlich nicht gehabt hatte. Das Doppelalbum verkaufte sich bis heute dreieinhalb Millionen Mal, für eine frei improvisierte Jazzaufnahme eine Sensation.

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