Ed Atkins im Martin-Gropius-Bau : Lass dich kneten, lass dich tragen

Große Gefühle, digitale Welten: Der britische Medienkünstler Ed Atkins zelebriert in seiner Ausstellung „Old Food“ im Martin-Gropius-Bau die Künstlichkeit – und feiert doch das reale Leben.

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Die Idylle täuscht. Gleich braust ein Monster-Baby durch Ed Atkins’ bukolische Landschaft. Filmstill aus „Old Food“.
Die Idylle täuscht. Gleich braust ein Monster-Baby durch Ed Atkins’ bukolische Landschaft. Filmstill aus „Old Food“.Foto: Ed Atkins

Vögel zwitschern, Bienen summen, in der Ferne mäht ein Schaf. Nicht nur der Sound ist sommerlich heiter. Auf der aus Flatscreens zusammengesetzten Bildwand bewegen sich Grashalme und Blumen im Wind, eine bukolische Landschaft. Doch der Frieden täuscht. Nur wenige Minuten später wird ein gigantisches Baby wie von einer unsichtbaren Hand im Nacken gepackt mit schleifenden Füßen durch die Blumenwiese auf eine Holzhütte zurasen. Den Bruchteil einer Sekunde später taucht der Monster-Säugling auf der benachbarten Flatscreen-Wand wieder auf, die das Häuschen von innen zeigt. Dort donnert es wie eine ungelenke Riesenmarionette gegen die Wände, ramponiert das Bett und die Bücherregale, um sich schließlich am ganz gebliebenen Klavier niederzulassen und mit den Patschhändchen finstere Akkorde zu intonieren: eine Komposition von Jörg Frey, die sich quälend weiter durch die Räume zieht.

Eine beängstigende Szene hat sich der britische Digitalkünstler Ed Atkins da ausgedacht. Dass es nicht harmlos weitergehen würde, kann sich der Besucher seiner Ausstellung im Martin-Gropius-Bau schon mit dem ersten Saal denken. Heulende Gesichter schauen ihn vom Großbildschirm an. Es trieft ihnen nur so aus den Augen, aus der Nase, dass man sich schaudernd abwenden möchte und doch im Loop immer wieder von vorne anschaut, wie es läuft und läuft. Die Figuren sind per CGI (Computer Generated Imagery) zum Leben erweckt worden. Die drei Protagonisten kehren in jedem der fünf Räume wieder: das Monster-Baby, ein Junge und ein Alter, beide mittelalterlich gekleidet und tapsig in ihren Bewegungen wie die Figuren eines Online-Spiels.

Der Begriff trifft es fast. Mit „Old Food“ führt Ed Atkins ein Spiel auf, ein „Kammerspiel“, wie er es nennt – in fünf Akten, so viele wie die von ihm genutzten Ausstellungssäle. Doch es ist keine Reise in die Vergangenheit, wie die Kleidung der Darsteller suggerieren könnte, ebenso die neben den Bildschirmen in Doppelreihen meterlang aufgehängten Kostüme aus dem Fundus der Deutschen Oper. Nein, der seit seinem DAAD-Stipendium 2015 in Berlin lebende Brite macht sich als einer der arriviertesten Medienkünstler Gedanken über die Zukunft. In seinen international gefeierten hyperrealen Bilderwelten, für die er sich häufig seiner selbst als Avatar bedient, untersucht er immer wieder den Verlust von Authentizität im digitalen Zeitalter.

Atkins Figuren leiden an der Welt

Was der 35-Jährige als Simulation inszeniert, hinterfragt er sogleich – ebenso melancholisch wie brutal. Der Betrachter wird in seine Bildwelten hineingesogen und abgestoßen, ist fasziniert von den Virtual-Reality-Akteuren auf Großleinwand und leidet doch unter ihrer Künstlichkeit, der intellektuellen Verquastheit ihrer Rede. Atkins gilt als bekanntester Vertreter der Generation Post-Internet, junge Künstler, die sich wie selbstverständlich neuester Technologie und der visuellen Angebote des Internets als Material bedienen. Doch anders als seine Kollegen produziert Atkins nicht Trash oder extra glatte Oberflächen, sondern er gibt den Philosophen. Seine Figuren leiden an der Welt. Der Künstler entwickelt zunächst schreibend seine Ideen, baut dann die Bilder, die Tod und Vergänglichkeit umkreisen. So widersprüchlich es ist: Ihn treibt um, was sich mit Digitalität gerade nicht verträgt.

So ist „Old Food“, der Titel seines Kammerspiels, als Anachronismus zu verstehen. Essen müssen seine Darsteller wohl kaum, sie leben ja nicht mal. Auch Altern kommt in ihrer Existenzform nicht vor. Und doch geht es Atkins in seinen elaborierten Wandtexten genau darum: die Fäulnisprozesse des Körpers. Von Moorleichen ist darin die Rede, der Zersetzung eines Ertrunkenen am Meeresgrund, und was bei Einäscherungen passiert. Irgendwo ganz klein steht da: „Atkins’ Ausstellung ist der Köder, dich in den Museumskörper zu locken, mit seinen Sälen, Magen und Verdauungstrakt, deren Wände dich still durchkneten, Laser, die dich wie Zilien forttragen und einfangen.“ Wenn das keine Warnung ist. Willkommen im Abenteuer Museum.

Immersion als Illusion

„Old Food“ passt damit perfekt in die Veranstaltungsreihe „Immersion“ der Berliner Festspiele, bei der das Publikum auf seinen Theaterstühlen nicht sitzen, das Ausstellungsbesucher vor einem Artefakt nicht stehen bleiben soll. „Go in instead of look at“ lautete die Devise des amerikanischen Aktionskünstler Allan Kaprow, dessen Wiederentdeckung seit einigen Jahren von den großen Museen zelebriert wird. Die Kreuzung von Ausstellung und Aufführung ist das neue Ding, wie sich nicht zuletzt am Goldenen Löwen der Biennale in Venedig für Anne Imhof ablesen lässt. Die Besucher des Deutschen Pavillons erleben sich als Teil einer Inszenierung, die somnambulen Performer agieren zwischen, ja sogar unter ihnen, die Grenzen verfließen. Ed Atkins allerdings steht der Immersion skeptisch gegenüber. „Vielleicht ist es höchst bezeichnend, dass die Eigenschaft ,immersiv’ einer Illusion, einer Unwahrheit zugeschrieben wird“, antwortet er im Interview des Festspiele-Magazins.

Der britische Künstler baut bewusst Barrieren auf. Er demonstriert offensiv die Täuschung. All die Tränen, all der Sabber seiner Figuren sind zu künstlich. Von Gefühlen ganz zu schweigen. Die erwartungsvoll aufgerissenen Augen des Alten, wenn er von der Kerze aufblickt, die melodramatische Ängstlichkeit des Jungen, der sich auf seinem Schemel zum Publikum umdreht, wirken nicht echt. Was er wirklich von seinen Figuren hält, verrät Atkins im letzten Raum, wo er Hunderte kleiner Animés in ein tiefes Loch stürzen lässt. Am Boden angekommen, prallen sie wie Plastikpuppen federnd aufeinander und wiederholen den Wahnsinn in der nächsten Szene. Nur wer wirklich lebt, kann auch sterben.

Ein Spiel auf der Klaviatur der Ängste

Damit tritt der Besucher doch noch ins Bild. Schließlich bewegt er sich leibhaftig zwischen Atkins virtuellen Welten auf der einen Seite und den 6000 Opernkostümen auf der anderen, in die er als Chorist des „Freischütz“ oder „Troubadour“ schlüpfen könnte. Auch das ein Spiel, doch mit realen Menschen aus Fleisch und Blut. Mit „Old Food“, seiner bislang umfassendsten Installation, hat der Medienkünstler erstmals die Blackbox verlassen und den umgebenden Raum für sich entdeckt, sogar das Dahinter. Er ließ die Jalousien vor den Fenstern des Gropius-Baus entfernen, so dass die Umgebung hineinwirkt. Je nach Tageszeit sind die Ausstellungssäle heller, dunkler und die Szenen auf den Screens wirken bedrohlicher.

Wer trotzdem näher an die Bildschirmwand mit der Holzhütte tritt, wird hinter dem Piano einen Fernseher entdecken. Es läuft „Frankenstein“ – als Zitat und Menetekel. Atkins spielt meisterlich auf der Klaviatur der Ängste. Der Film gebiert Monster, CGI schafft verstörte Kreaturen. Bei Atkins fürchten sie sich am meisten vor sich selbst.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 7. 1.; Mi bis Mo 10 – 19 Uhr. Am 22. 11. Konzert u. a. mit Jörg Frey und Lesung mit Ed Atkins beim DAAD, Oranienstr. 161.

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