Kultur : Edelstahl und Reisig spricht

Gartenkunst in Wolfsburg: Wie Berliner Landschaftsarchitekten den Schloss- und den Allerpark neu gestalten

Falk Jaeger

Die Abkehr von der Monofunktion als Autostadt ist schon lange das Ziel Wolfsburgs. Ob allerdings die „ErlebnisWelt“ beiderseits des Mittellandkanals dieses Ziel näher bringt, , bleibt zweifelhaft – die fertig gestellten Bestandteile „Autostadt“ und „Fußballwelt“ sind schließlich ohne das Werk nicht denkbar. Das „BadeLand“, das Wissenschaftszentrum „Phaeno“ (der Rohbau von Zaha Hadid hatte jüngst Richtfest), und die geplante Hallenski- und Kletteranlage „Multidome“ vervollständigen das Freizeitangebot, welches Kurzzeittouristen anlocken soll.

Mittendrin, zwischen Parkplätzen, Straßenbrücke, Trainingsgelände und Autostadt, dominiert vom hässlichsten neu gebauten Fußballstadion der Republik, der „VW-Arena“, gehört auch der Allerpark zum neuen Wohlfühlkonzept. Vom künstlichen Hügel aus ist die aparte städtebauliche Melange ringsum zu beobachten. Der teilweise über eine Art Bastionen verlaufende Ringweg bietet auch den besten Überblick über den elf Hektar großen Park selbst, der um einen See herum entwickelt wurde. Der Masterplan stammt von der Berliner Landschaftsarchitektin Gabriele Kiefer, die expressive Strukturen mit überraschenden Materialien, mit rostigen Cortenstahlplatten oder Gabionen (bruchsteingefüllte Drahtkörbe) umsetzt, wobei sie auf – bei jüngeren Kollegen durchaus akzeptierte – naturfremde und allzu künstliche Materialien verzichtet. Mobilität ist das in Wolfsburg allgegenwärtige Thema, das sie mit einer bewegten Topographie zu versinnbildlichen sucht. Auf manche Fehltritte in der Ausführung durch die Betreibergesellschaft hatte sie freilich keinen Einfluss. Die künftige Wasserskianlage zum Beispiel, eine Art Schlepplift, wird während der Wolfsburger Gartenschau in gemächlichem Tempo überdimensionale kitschige Wasserrosen auf dem Rundkurs um die Mittelinsel treideln. Auch das banale Häuschen der Liftstation fällt in der ambitioniert gestalteten Parklandschaft unangenehm auf.

Noch mangelt es den neu gepflanzten Bäumen im Allerpark an ansehnlicher Statur. Alten Baumbestand zeigt hingegen der benachbarte Schlosspark um das Wolfsburger Renaissanceschloss, der vom Berliner Büro Topotek1 (Martin Rein-Cano) bespielt wird. Als Follies (dekorative Kleinarchitekturen des englischen Landschaftsgartens) sind beim Parkspaziergang drei „Kreisgärten“ mit verschiedenen Motiven anzutreffen. Der steinerne Wüstengarten wird von einer die Umgebung vielfach widerspiegelnden Edelstahlwand umfriedet. Im Rosengarten türmen sich edelstählerne Prismen, die mit verschiedenen Rosensorten bepflanzt werden (derzeit sind indes Tulpen zu sehen), während im „Waldgarten“ auf beregneten Reisigstapeln zwischen spiegelnden Edelstahlwänden duftende Farne, Pilze und Moose wachsen.

Wesentlich erweitert wurde der Schlosspark um die Feuchtwiesen, die beim Rundgang während der Gartenschau auf einem temporären Holzsteg erlebt werden können, sowie um die neu erschlossenen „Pferdewiesen“. Wo ehemals die Schlossherren ihre Pferde bewegten, sind nun Reitmöglichkeiten für die Besucher entstanden. Pferde erinnern Rein-Cano an Barbie, und so bestimmt das Pink, im Park schon bei den Bänken anzutreffen, die Ziegelsplittwege und schmückt die Pfosten und Gatter der Koppeln. Dem Vernehmen nach sollten selbst die Pferde rosa angemalt werden... Zur Aktion reizen die überdimensionalen aufblasbaren Spielgeräte, Hüpfpolster, ein Sechs-Meter-Ball, vier Meter große Ringe, die man in Laufradmanier über die Wiese treiben kann – alles in Pink.

Diese gartenschaubedingten bunten und lauten Installationen sollten allerdings nicht den Blick verstellen für die dauerhaften Qualitäten der neuen Parkanlagen, die vielleicht erst im nächsten Jahr, bei fortgeschrittener Vegetation und weniger Publikumsgetriebe intensiv zu erleben sein werden. Dann wird man im Rahmen der „ErlebnisWelt“ Wolfsburg neben der architektonischen und der Auto-Kultur auch die stillere Gartenkunst der Landschaftsarchitekten aufsuchen können.

Landesgartenschau Wolfsburg, bis 10. Oktober 2004. Infos unter www.landesgartenschau-wolfsburg.de

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