EDITORIAL : Einmal im Jahr

Lorenz Maroldt

Der Karneval der Kulturen stehe „für die Weltoffenheit, die kulturelle Vielfalt, das Miteinander der Berlinerinnen und Berliner“, befand der Regierende Bürgermeister zu Pfingsten vor einem Jahr, und dazu winkte er fröhlich von der Ehrentribüne. Oft stand der Karneval in den vergangenen Jahren auch für mieses Wetter. Aber dafür ist er ebenso wenig verantwortlich wie für die kulturelle Vielfalt und das Miteinander der Berlinerinnen und Berliner, denn damit ist es nicht allzu doll bestellt. Der Karneval lenkt ein schönes Wochenende lang davon ab, dass in Berlin tagtäglich das Gegenteil von dem demonstriert wird, was Wowereit wünscht. Die Meldung, dass ein Jugendlicher mit Kippa auf dem Kopf in einem S-Bahnzug zwischen der Friedrichstraße und Unter den Linden, also mitten in der Vorzeigemitte, mit antisemitischen Sprüchen beleidigt und geschlagen wurde, landete klein auf den hinteren Seiten und im politischen Abseits. Es ist nur eine von vielen. Berlin ist anders, als der Karneval suggeriert. Ich gehe trotzdem hin. Und auch deswegen. Lorenz Maroldt

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