EDITORIAL : Und es war Sommer

Was den Berliner Sommer betrifft, war ich lange traumatisiert. Ich fand’s immer schön hier, auch wenn es heiß wurde; um so besser für lange Nächte. Dann kam Christo in die Stadt – und ich fuhr weg, zum Segeln in den hohen Norden, vier Wochen am Stück. Als ich zurück kam, hatten alle ein bekifftes Grinsen aufgesetzt und erzählten wundersame Dinge von einem Happening auf der Wiese vor dem verhüllten Reichstag, von rosaroten Gefühlen. Unaushaltbar. Also tauchte ich ab in die härtesten Kellerschuppen der Stadt, betrank mich mit billigem Bier und tauchte erst nach vielen Tagen und Nächten wieder auf. Der heimliche Schmerz, etwas einmaliges verpasst zu haben, hielt trotzdem lange an. Nie wieder bin ich seitdem im Sommer länger weg gewesen. Vor ein paar Tagen aber sah ich ein Christo-Kunstdruck und spürte, anders als sonst immer – nichts. Ich war geheilt, geheilt durch die vielen tollen Berliner Sommer nach Christo. Ich fahre dieses Jahr sogar mal ein paar Tage weg. Aber ich bleibe ganz in der Nähe diesmal, vorsichtshalber. Lorenz Maroldt

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