Kultur : Edle und Wölfe

Leipziger Buchmesse: Eröffnung mit Ehrung.

Foto: Jörg Carstensen, dpa Foto: dpa
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Selten trifft die Eröffnung der Leipziger Buchmesse, die am Mittwochabend im Gewandhaus stattfand, so ins Herz der politischen Aktualität wie dieses Jahr. Schon lange wird der rücksichtslose Expansionsdrang von Amazon vom Rest der Buchbranche misstrauisch beäugt. Doch erst in den letzten Wochen bricht sich eine Empörung Bahn, die auch die Arbeitsbedingungen und die Steuermoral des Unternehmens attackiert.

In einer kämpferischen Rede sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, laut vorab verbreitetem Manuskript: „Wer heute die als Dinosaurier belächelt, die vor einer Monopolisierung der Buchkultur durch große Onlineanbieter warnen, denkt nicht weit genug.“ Sicher habe mancher Buchhändler Nachholbedarf beim Thema Recherche oder Kundenfreundlichkeit. „Wenn aber ein weltweites Buchmonopol zu entstehen droht, wird der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das kritisch und mahnend thematisieren.“ Es gehe dabei nicht nur um den Verkauf gedruckter Bücher, sondern „ auch um einen E-Reader, auf dem nur die von jenem demnächst vielleicht marktbeherrschenden Unternehmen angebotenen Bücher zu lesen sind“.

Nicht weniger explosiv ist die Stimmung in einer ganz anderen Frage: jener der Armutsmigration. Neben qualifizierten Arbeitskräften, die Deutschland dringend braucht, fürchten viele Kommunen, dass mit Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien Zuwanderer kommen, die sowohl das soziale wie das ökonomische Gefüge aus dem Gleichgewicht bringen.

„Es herrscht Friede in Kerneuropa“, sagte der Schriftsteller Feridun Zaimoglu laut ebenfalls vorab veröffentlichtem Redemanuskript in seiner bildstarken Laudatio auf den Germanisten Klaus-Michael Bogdal, der für sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner“ (Suhrkamp) mit dem Preis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde. Die Romvölker, so Zaimoglu, würden dennoch „exotisiert und dämonisiert. Sie sollen die Ruhe nicht stören und die Ordnung nicht zersetzen. Ein Volk der Verstoßenen zieht weiter. Das böse Gedächtnis der Kultur – dieser Begriff stammt von Bogdal. Er hat die Geschichte der Legendenbildung zum Zwecke der Elimination verfasst. Wir verstehen: Wir können durch gottloses Gerede verhunden. Bosheit ist die Kohle, sie brennt und schwärzt.“

Bogdal bedankte sich in Leipzig für die Auszeichnung, indem er unter anderem seine Rolle als Literaturwissenschaftler definierte. Das Politische beginnt für ihn dort, wo Erkenntnisse „aus dem Raum der akademischen Diskurse hinaus auf das Feld der Macht führen. Dorthin, wo an die Stelle des rationalen Räsonnements Entscheidungen treten, die in das Leben der Menschen eingreifen“. In Wissensgesellschaften wie der unsrigen verschafften Wissenschaftler politischen Entscheidungen nicht selten „die erforderliche Akzeptanz und Legitimation“, heißt es laut Manuskript in seiner Dankesrede. „Wurzeln, Gründe, Entwicklung und Funktion der Verachtung der europäischen Romvölker weisen auf die paradoxe Figur hin, dass die Kultur im Umgang mit dieser Minderheit nicht unerheblich zur De-Zivilisierung der Gesellschaft beigetragen hat.“

Dies nicht politisch zu deuten, hieße für Bogdal, „die universellen ethischen Werte demokratischer Gesellschaften zu relativieren und auf einen Beitrag der Geisteswissenschaften zur Gestaltung eines humaneren Lebens zu verzichten“. Er zitierte Adalbert Stifter: „Wenn nicht einzelne edle Menschen wären, so wäre man versucht, im Angesicht dessen, was sich Europa bieten lässt, dem Geschlechte den Rücken zu kehren und ein rechtschaffener Wolf oder Elefant oder Bär zu werden. Aber enden wir von dem Dinge.“ Der Preiträger schloss in Leipzig mit dem Appell, das genaue Gegenteil zu tun: „Reden wir weiter über Europa.“ dotz

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