Edmund Kuppel in der Akademie der Künste : Missverstehe mich richtig

Traue den Bildern nicht: Die Akademie der Künste ehrt Edmund Kuppel mit dem Käthe-Kollwitz-Preis und einer Ausstellung.

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Spiel mit der Wahrnehmung. Ende der siebziger Jahre fotografierte Kuppel 300 Mal in Paris die Werbung von Fotofachgeschäften.
Spiel mit der Wahrnehmung. Ende der siebziger Jahre fotografierte Kuppel 300 Mal in Paris die Werbung von Fotofachgeschäften.Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die Welt ist aus den Fugen, schon 1972 kippt die Erde rings um Edmund Kuppel heftig nach rechts und nach links. Der junge Künstler stemmt sich dagegen: In dem Video „Sich an der Erde festschnallen und sie bewegen“ bleibt er fast kerzengrade stehen, während die Landschaft in Schräglage geht. Eine Lüge, generiert mit den einfachen technischen Mitteln der siebziger Jahre und doch so überzeugend, dass man verblüfft vor der Arbeit stehenbleibt. „Das war der Hammer“, sagt auch Kuppel, meint aber etwas anderes. Als er das Video damals zeigte, begeisterte sich das Publikum für den illusionären Effekt seiner Performance. Dabei wollte er eigentlich demonstrieren, wie wenig man den medialen Bildern trauen kann. Tatsächlich ließ Kuppel die Kamera schaukeln, er selbst simulierte seine Standhaftigkeit dank ellenlanger Spikes. Die zog er zum Beweis seines Betrugs am Ende der Aktion für alle sichtbar aus dem Boden. Eine kluge, feinsinnige Medienkritik, die allerdings bloß teilweise verfing.

Vier Jahrzehnte später staunt man in der Akademie der Künste am Hanseatenweg noch immer über Kuppels perfekte Synchronität zwischen Körper und Kamera. Andere Arbeiten aus derselben Zeit führen das Spiel mit der Wahrnehmung ähnlich einfallsreich fort: Der Künstler verrückt Himmel und Erde oder hält in der Diaprojektion „Sich dazwischen stellen“ gemalte Landschaften vor echte Landschaften, die sich nahtlos miteinander verbinden. Kuppel steht mittendrin – im Video als mit Koteletten bewehrter Mittzwanziger, im Ausstellungsraum als realer Endsechziger, und man fragt sich, weshalb seine Arbeiten nicht häufiger zu sehen sind. Dieselbe Frage hat offenbar auch die Jury des Käthe-Kollwitz- Preises – Raimund Kummer, Bogomir Ecker und Hermann Pitz – bewegt. Sie kürte den Künstler zum Kollwitz-Preisträger 2016. Dotiert ist die Auszeichnung mit 12 000 Euro, dazu kommt die Ausstellung in der Akademie der Künste, die einen Blick auf das Werk bis in die Gegenwart erlaubt.

Kuppels Denken kreist unentwegt um die Wahrnehmung

Fotografien, Video-Installationen, Fotoapparaturen und Bildwerfer sind darunter. Alle zeigen, dass Kuppels Denken unentwegt um die vermittelte Wahrnehmung kreist. Um Täuschung, Missverständnisse oder auch Zwischenräume, in denen er sich mit seinem ebenso reflexiven wie poetischen Werk einnisten kann. „Photo-Fotos“ ist ein gutes Beispiel dafür. Mitte der siebziger Jahre fotografierte der Künstler 300 Mal in Paris die Werbung von Fotofachgeschäften. Reklame, die mit der Digitalisierung der Kamera verschwunden ist, weshalb die Arbeit – das betonte Kuppel zur Eröffnung – auch eine zeitliche Dimension hat. Darüber hinaus analysiert sie in bester Tradition konzeptueller Kunst eine Tautologie: Wer auf ein fotografiertes Motiv schaut, der sieht – Fotografie. „Eine Bewegung ist als solche nur im Rahmen ihres Bezugssystems wahrnehmbar“, schrieb der Künstler 1972 über seine Trugbilder, in denen er die Erde verrückt. Dasselbe gilt für das Medium der Bildreproduktion. Wie sonst lassen sich die Sonnenuntergänge und Meereswellen in jenen Fotografien erklären, die Kuppel eindeutig in französischen Bistros gemacht hat? Die Lösung liegt nahe, aber der Weg zum Strand durch die Fototapete ist lang und fordert ein Nachdenken über die Konditionen des Sehens.

Die Technik, die er in den 70er Jahren entwickelt hat, wirkt heute geradezu visionär

Die Beschäftigung mit der „Entstehung, der Wahrnehmung und den technische Bedingungen“ des Mediums nennt auch das Preisgericht als maßgebliche Faktoren seiner Entscheidung. Was Dekaden zurückliegt, erscheint ihm „für alle Generationen relevant“. Dafür steht nicht zuletzt „Das Kabinett des Ferdinand von Blumenfeld“, für das der Künstler in den siebziger Jahren eine Technik entwickelt hat, die geradezu visionär wirkt. Auch wenn er beim Stichwort „Selfiekultur“ abwinkt. Auf den Bildern sieht man, was die Kamera sieht – und was zugleich im Rücken des Fotografierenden geschieht. Kuppel hat eine Vorrichtung konstruiert, die das unmögliche Sehen in Bilder umsetzt. Braucht es noch einen anderen Beweis dafür, dass die Kamera kein drittes Auge, sondern eine Apparatur ist, die ihre eigene Wirklichkeit konstruiert?

In der Ausstellung tritt der Künstler während der Eröffnung vor das Video von „Sich dazwischen stellen“, das die Entstehung der Dias filmisch begleitet. Man hört Anweisungen des Kameramanns, sieht, wie die Statisten die Gemälde hin und her bewegen, bis die Einstellung stimmt. Bis echte und gemalte Landschaft so miteinander verschmelzen, dass keine Naht mehr sichtbar ist und die Menschen aussehen wie die zersägten Freiwilligen ohne Unterleib in einer Zaubershow. „Wer garantiert mir, dass der Hintergrund echt ist und das Bild gemalt?“, hat mal einer Kuppel gefragt. Vielleicht sei es auch genau anders herum. „Der Mann hat begriffen, worum es geht“, sagt Kuppel.

Akademie der Künste, Hanseatenweg, bis 3. Oktober, Di–So 11–19 Uhr

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