Kultur : Edmund Stoiber zum 60.: Im Blaubeerenwald

Vicco von Bülow alias Loriot sprach gestern i

Hochverehrter Herr Ministerpräsident, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es ist eine Ehre, hier und heute das Wort ergreifen zu dürfen und, was mich betrifft, auch ein erneuter Beweis für die bayerische Großherzigkeit, die einem zugereisten Brandenburger ungeprüft Zutritt in die lichten Gefilde bayerischer Lebenslust gewährt.

So sei nun unserem Geburtstagskind eine Betrachtung gewidmet, die sich auf den eigentlichen Kern seines glanzvollen Lebenslaufes konzentriert: den Fußball.

Am 28. September vor sechzig Jahren brachte Edmund Rüdiger Stoiber dreieinhalb Kilo auf die Waage. Seine Länge betrug 54 Zentimeter. Hätte man ihm damals das höchste Amt in Bavarien anvertraut, wäre er der kleinster Ministerpräsident in der Geschichte Bayerns gewesen. Schade. Andererseits wirkt ein Staatsoberhaupt, das nur Papa und Mamma sagen kann zwar sympatisch, ist aber im Wahlkampf keine große Hilfe. Also hielt sich der Säugling klug zurück, bis seine Zeit gekommen war.

Die ersten Monate verbrachte das Kind im Liegen, entdeckte sodann im Verlauf der Krabbelphase den Gebrauch der Hinterbeine und erhob sich eines Tages unter allgemeinem Beifall in den aufrechten Gang, den der Ministerpräsident bis jetzt bevorzugt, als einzige Haltung, in der sich ein Fußball sinnvoll bewegen lässt.

Alsbald ergab sich die Lebensfrage, ob eine leidenschaftliche Neigung zu diesem Rasenspiel oder Heim und Familie den Vorrang habe. Ein Problem, das noch heute einer Lösung harrt. Mit Sicherheit ist die Vermutung übertrieben, die Gattin unseres verehrten Herrn Ministerpräsidenten habe in das gemeinsame private Wohnhaus ohne Ball keinen Zutritt.

Unklar bleibt vorerst auch, wann und wo der stark beanspruchte Herr Ministerpräsident auf einen Doppelgänger angewiesen ist im Amt, daheim am Wochenende oder auf der Ehrentribüne beim Spiel des FC Bayern München. Letzteres ist wohl auszuschließen.

Seinerzeit entschloss sich der junge Stoiber noch zu einer aktiven Laufbahn als Verteidiger im Fußballverein BCF Frachet in der richtigen Annahme, dass die Verwendung als Ministerpräsident allemal als Ausweg offenbliebe, zumal ein guter Fußballspieler um die 20 Millionen kostet, während ein Ministerpräsident vergleichsweise doch günstiger zu haben ist.

Wie wir alle wissen, gelang es dem Jubilar mit staatsmännischem Geschick, sportliche Neigung und politische Berufung sinnvoll zu verbinden. Schon ein Blick in dieses Gebäude beweist, wie ernst hier der Arbeitsbereich Fußball genommen wird.

Die Ausstattung der Bayerischen Staatskanzlei mit schusssicherem Fensterglas dient nicht, wie häufig angenommen, der Sicherheit der im Inneren des Gebäudes einsitzenden Beamtenschaft, sondern vielmehr dem Schutz der arglos vor dem Haus promenierenden Bürgerinnenen und Bürger gegen herausfliegende, scharf geschossene Querpässe.

Es wird angestrebt, das tägliche Fußballtraining in den Gängen und Amtsräumen der Bayerischen Staatskanzlei zeitlich zu begrenzen, um in den spielfreien Minuten ausländische Gäste empfangen zu können, ohne deren Leib und Leben zu gefährden.

Dem Ministerpräsidenten ist es in Anbetracht seiner starken mentalen und physischen Belastung vorbehalten, ganztägig am Ball zu bleiben und die persönlichen Amts- und Repräsentationsräume zum Training zu nutzen.

Dort erlauben die widerstandsfähige Auslegeware und sparsame Möblierung auch bei hoher Laufgeschwindigkeit ein elegantes Dribbling zwischen Schreibtisch und Sitzgruppe mit wiederholten Schüssen aufs Tor zwischen zwei Nymphenburger Fayencen.

Dann ist der Kopf wieder frei, der Kreislauf in Bewegung. Aber man würde der Vielseitigkeit des Gefeierten nicht gerecht, wollte man Leben und Karriere nur über den Fußball definieren. Die entscheidenden Impulse verdankt der Jubilar dem Umfang mit der Literatur.

Nach Aussage der Familie ist es vor allem ein Buch, das unseren Ministerpräsidenten seit seinen Kindheitstagen menschlich und politisch beeinflusst hat. Das Werk trägt den Titel "Hänschen im Blaubeerenwald" und zählt zu den Bestsellern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht zu Unrecht.

Man wird gepackt von der Geschichte eines Jugendlichen, der auf ergebnisloser Suche nach Waldesfrüchten die Hilfe fachkundiger Zwerge in Anspruch nimmt und eine immense Ausbeute nach Hause trägt.

Schon früh erkannte unser Ministerpräsident die politische Brisanz des Werkes im Zusammenhang von Fantasie und Wirtschaftswachstum.

Leider gilt das Buch im Staatsarchiv heute als verschollen. Ich nutze daher die Gelegenheit, Ihnen, Herr Ministerpräsident, zum Geburtstag ein ebenfalls sechzigjähriges Exemplar mit herzlichen Glückwünschen zu überreichen. Möge es Ihrem Wohl und dem Segen Bayerns dienlich sein!

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