Kultur : Eduardo Chillida: Die Resonanz des Raumes

Hans Dickel

In der Nähe der spanischen Biskaya-Küste, zehn Kilometer von seinem Geburtsort San Sebastian entfernt, hat Eduardo Chillida einen Landschaftspark für etwa vierzig Skulpturen aus allen Phasen seines Schaffens anlegen lassen: Chillida-leku (leku bedeutet Ort auf baskisch). Das kürzlich eröffnete Gelände, hügelig und teils bewaldet, ist bereits eine Attraktion für Kunst-Touristen. Zwischen Gehrys Guggenheim-Museum im eher tristen Bilbao und dem Entrêpot Lainé in Bordeaux, der französischen Avantgarde-Station, gelangt man dort in eine Oase der abstrakten Bildhauerkunst.

Am Rande des Parks stößt der Besucher zunächst auf Blöcke aus Naturstein, die mit wenigen eingekerbten Markierungen unterteilt sind. Auch wenn sie wie Wegmarken platziert wirken, sind es doch autonome Skulpturen, deren Thema "Materie und Geist" lauten könnte. Das Caserío Zabalaga, ein umgebauter Bauernhof aus dem 16. Jahrhundert, beherbergt kleinere Skulpturen Chillidas, Zeichnungen, grafische Arbeiten, Bozzetti und das figürliche Frühwerk, das noch vor seiner Begegnung mit der Pariser Avantgarde der Nachkriegszeit entstand.

Das ruinöse Haus wurde völlig entkernt und auf sein unverputztes Mauerwerk sowie wenige stützende Holzbalken reduziert. Dadurch entstand eine Art Behausung ganz im Sinne Martin Heideggers, der Chillida 1969 seinen Text "Die Kunst und der Raum" widmete. Der Essay bezieht sich auf die Dialektik der positiven Formen und des negativen Volumens, das als "innerer Raum" der Werke jeweils ausgegrenzt und bildhaft entworfen wird - entsprechend der Heideggerschen Dialektik von Seiendem und Sein.

Als ästhetisch autonome Werke erfordern die Skulpturen Chillidas eine sorgfältige Platzierung im realen äußeren Raum, um diesen symbolischen "inneren Raum" evozieren zu können. "Der Raum wird vom plastischen Gebilde besetzt, als geschlossenes, durchbrochenes und leeres Volumen geprägt." Wie genau Chillida seine Werke aufstellt, sie mit Motiven der Umgebung korrespondieren lässt, in den Proportionen und Farben aber auch von ihr distanziert, ist in seinem Park bestens zu beobachten. Chillida orientiert sich beispielsweise an einem Hain, markiert eine Fernsicht. Und doch weckt er - etwa mit zangenartigen Klauen, die er am nahen Atlantik in der Felsenküste befestigen ließ oder den Tentakeln auf einer Vierkantstütze aus oxydiertem Eisen - zugleich Vorstellungen von einem Raum anderer Art. Es ist ein Raum, demgegenüber sich menschliches Leben definiert, wie Heidegger voller Emphase schreibt: "Plastik: ein verkörperndes Ins-Werk-Bringen von Orten und mit diesen ein Eröffnen von Gegenden möglichen Wohnens der Menschen, möglichen Verweilens der sie umgebenden, sie angehenden Dinge. Die Plastik: Verkörperung der Wahrheit des Seins in ihrem Orte stiftenden Werk."

Inmitten einer Senke des Parks steht das größte Werk: drei ondulierend geformte, zwölf Meter hoch aufragende Eisen-Platten. Unter dem rührend kitschigen Titel "Das Licht suchen" (1997) gehen sie einen Kompromiss mit dem Publikumsgeschmack ein ähnlich wie die zweiteilige Monumentalskulptur "Berlin", die dem Auftrag folgt und vor Ort nur noch eine triviale Metapher bietet. Zunächst für den freien Außenraum bestimmt, hat sie im Vorhof des Kanzleramtes alle Qualitäten der früheren Kunst Chillidas einbüßen müssen: Der "innere Raum" seiner Skulpturen wird hier förmlich erdrückt vom inneren Raum des riesigen Baus. Ohne Gespür platziert, erscheint das Werk geradezu verniedlicht, ähnlich fatal wie beim Blow Up der Kollwitz-Pietà in der Neuen Wache. Dabei wäre schon viel gewonnen, rückte Chillidas Skulptur zumindest vor den Schultes-Bau wieder ins Freie.

Wie präzise in Proportion und Ausrichtung Eduardo Chillida selbst seine Skulpturen auf ihr Ambiente bezogen platzierte, lässt sich in San Sebastan erkennen. Das satte Grün der Wiesen bildet die Folie für die Rost-Patina seiner Eisenskulpturen, deren formale Evidenz nie allein sich selbst genügt: "Um den Raum als das eigentliche Material ging es mir; das Eisen sollte nur als Hilfsmittel dienen, sollte die Saite und der Bogen sein, die ihm zur Resonanz verhelfen." In Berlin hingegen ist nur noch das Eisen zu sehen, eine "Resonanz des Raumes" kommt im "Hohlraum" der politischen Repräsentation bislang nicht auf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben