Kultur : Effekte für Moskau

ARCHITEKTUR

Ulf Meyer

Der weltweite Siegeszug junger niederländischer Architekten begann mit dem Studium des Übervaters dieser Bewegung: Rem Koolhaas ließ sich anfänglich von den russischen Konstruktivisten der Zwanzigerjahre inspirieren. Jetzt schließt sich der Kreis auf überraschende Weise: Der Rotterdamer Architekt Erik van Egeraat tritt die Flucht nach vorn an und will mit einer Reihe Aufsehen erregender Entwürfe Moskau erobern. Seine Architektur des Sturm und Drangs bezeichnet er selbst dabei als „modernen Barock“. Die aufgeregten Stilcollagen sorgen in Moskau für Aufregung. In seiner Ausstellung For Russia with love zeigt Egeraat bei Aedes jetzt seine russischen Projekte der vergangenen zwei Jahre (Galerie Aedes East, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40-41, bis 28. August. Der Katalog kostet 10 €) .

Die Effekthascherei seiner Wohn- und Geschäftsbauten soll dem „neuen Lebensstil der Moskauer entsprechen“. Der Hypermodernismus, mit dem die holländische Szene weltweit Bauprojekte und Lehraufträge an Land zieht, kippt bei Egeraat ins Eklektische: Für die fünf Wohnhochhäuser des Yakimanka-Komplexes beispielsweise, die irgendwann die stalinistische Skyline Moskaus zieren könnten, hat Egeraat Gemälde von Kandinsky und Malewitsch geradewegs auf die Fassaden geklebt. Wie einst die Projekte der russischen Avantgarde gibt es auch Egeraats Projekte bisher nur auf dem Papier. Aber der stets hochmodisch gekleidete Architekt entwirft seine Projekte in Moskau „mit Liebe“, wie der Titel der Ausstellung suggeriert – und die braucht man wohl auch in der russischen Hauptstadt, zusammen mit Geduld, Mut und nicht zuletzt einem potenten Bauherr.

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