Kultur : Effi wird auch auf Englisch nicht froh

Steffen Richter

verfolgt die schönen Missverständnisse des Übersetzens Mal ehrlich, wer möchte schon einen Roman mit dem Titel „Die Pardelkatze“ lesen? Vor allem, wenn „Der Leopard“ daneben liegt? Und doch irrte die erste Übersetzerin von Tomasi di Lampedusas Weltbestseller namens „Il Gattopardo“. Denn ein Gattopardo ist nun mal kein Leopard, sondern sein kleinerer Verwandter, die Pardelkatze, auch Ozelot genannt. Der traduttore, also der Übersetzer, wäre demnach ein traditore, ein Verräter?

Nein, ist er nicht. Abgesehen davon, dass Giò Waeckerlin Indunis Neuübersetzung aus dem letzten Jahr den Irrtum korrigiert, hat der Übersetzer mit seinem Fehler – oder seiner bewussten Entscheidung – für deutsche Leser einen ganz eigenen Imaginationsraum geschaffen. Es gibt viele Beispiele, in denen Übersetzen zur Sonderform des creative misreading wird. Dennoch will kaum einer wahrhaben, dass Übersetzer Urheber sind. Viele literarische Verlage tun sich schwer, ihre unerlässlichen Mitarbeiter angemessen zu bezahlen und sie am Erfolg zu beteiligen. Dabei sind fast die Hälfte aller Romane im Buchhandel Übersetzungen. Trotz etlicher Übersetzerpreise und -stipendien gilt nach wie vor: Die im Dunkeln sieht man nicht.

Gute Gründe also, heute an den Wannsee ins Literarische Colloquium zu pilgern, wo der Literaturwissenschaftler Peter Utz zeigt, wie wohlbekannten Romanen in Übersetzungen neue Sinnschichten zuwachsen (20 Uhr). Was, fragt Utz, erzählt uns Fontanes „Effi Briest“, wenn man sie in englischer oder französischer Fassung liest? Keine Sorge, Instetten und Crampas duellieren sich weiterhin, und Effi wird auch keine glückliche Ehefrau. Aber dass der Transfer zwischen zwei Kulturen über beide etwas lehrt, ist sicher.

Auch die Literaturwerkstatt widmet sich mit der Reihe „Übersetzer packen aus“ wieder einmal dem unterschätzten Gewerbe (12.5., 20 Uhr). Ruth Keen etwa hatte es bei der Arbeit an Julius Poseners „Heimlichen Erinnerungen“ (Siedler) mit einem speziellen Fall zu tun: einen Autor in seine Muttersprache zu übersetzen. Denn der 1933 aus Berlin emigrierte Architekt Posener schrieb seine Memoiren über den Niedergang einer großbürgerlichen jüdischen Familie in den Zwanzigerjahren im malaysischen Kuala Lumpur – in holprigem Englisch. Und Michael Zöllner, der Leiter des kürzlich nach Berlin gezogenen Tropen Verlages, hat bereits vier Romane seines amerikanischen Starautors Jonathan Lethem selbst übersetzt. Auch Lethems „Festung der Einsamkeit“, die euphorisch gefeierte Geschichte über zwei Jungen im Brooklyn der Siebzigerjahre, bot mit ihren Versatzstücken aus Film, Comic, Graffiti und Musik sicherlich einige Herausforderungen.

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