Kultur : Egoismus ist anstrengend

Tony Judts nachgelassenes Traktat über die Unzufriedenheit: „Dem Land geht es schlecht“

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Dem Mann ging es wirklich schlecht, als er im Herbst 2009 an der New York University einen Vortrag hielt. Von einer unheilbaren Muskel- und Nervenerkrankung gezeichnet, skizzierte Tony Judt die Themen, die die Grundlage für sein letztes Buch werden sollten, das er mithilfe von Freunden und seiner Familie noch vor seinem Tod im August 2010 fertigstellen konnte: „Dem Land geht es schlecht. Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit“.

Das Land, dem es schlecht geht, in dem die Unzufriedenheit ein festes Zuhause hat, benennt Judt in seinem Buch nicht näher. Gemeint sind die westliche Welt und ihre Demokratien, die Industriestaaten der sogenannten Ersten Welt, die USA und Europa. Schlecht geht es ihnen, so Judts Befund, weil sie zwar einerseits einen nie dagewesenen privaten Reichtum hervorbringen, andererseits aber gar nicht mehr versuchen, soziale Missstände zu bekämpfen. Die westliche Welt hat sich an die Armut gewöhnt. War ihr von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts stets daran gelegen, die Kluft zwischen arm und reich mit sozialstaatlichen Maßnahmen oder Steuerprogression zu verringern, hat sich das heutzutage ins Gegenteil verkehrt: „Während Washington Milliarden Dollar für einen sinnlosen Krieg in Afghanistan bereitstellt, streiten wir darüber, ob mehr Steuergelder für eine bessere Sozialversorgung oder den Erhalt der Infrastruktur ausgegeben werden sollten“, so Judt.

Was Tony Judt beklagt: Dass der freie Markt heute alles ist, der vermeintlich überbordende Staat fast nichts, ein Gegner gar; dass es einen regelrechten Privatisierungskult gibt, dass Leben und Wirken der Menschen ausschließlich auf kommerzielle Kriterien reduziert und in ökonomischen Zahlen gemessen wird.

Und dass seit den Finanzkrisen 2008 und 2010 Staat und Politik in den jeweiligen Ländern oder Europa zwar wieder zum Handeln und Retten gezwungen sind, siehe Euro-Rettungsschirme, siehe Staatshilfen für Banken. Aber die Sehnsucht, so weiterzumachen wie bisher, nach wie vor groß ist. Judt sieht deshalb noch größere Katastrophen auf uns zukommen und staunt: „Und doch sind wir anscheinend unfähig, uns Alternativen vorzustellen.“

Was er einklagt, und das ist das Faszinierende, weil das kaum noch jemand ernsthaft erwägt: Vertrauen, Gemeinsinn, Verantwortungsgefühl, Anstand. Kurzum: eine neue Moral, ein moralischer Überbau, der „unserem Handeln einen höheren Sinn“ zu geben vermag. Judt fordert eine neue Art von Widerspruchsgeist, der sich von vermeintlichen Experten nicht einschüchtern lässt, sei es in Finanz-, Polit- oder sozialen Fragen. Ja, er spricht von einer „Mäßigung“, die in Konsensgesellschaften eine Selbstverständlichkeit sei. Aber: „Dass dies heute so idealistisch klingt, zeugt von der Verkommenheit der politischen Verhältnisse.“

Man merkt an solchen Zitaten, dass Judt klare Worte nicht scheut. Sein Buch ist eine Abrechnung mit der zeitgenössischen Politikerkaste, die sich für ihn wie eine Ansammlung „politischer Zwerge“ ausnimmt oder im Fall des britischen Parlaments nur aus „Postenjägern, Jasagern und Speichelleckern“ besteht. Vor allem aber ist „Dem Land geht es schlecht“ ein Plädoyer für eine sachte Rückbesinnung auf den Staat und nicht zuletzt die Sozialdemokratie der alten Schule; einer Sozialdemokratie, die „sozial“ genauso groß schreibt wie „liberal“. Und die soziale Gerechtigkeit ganz oben auf ihrer Agenda stehen hat – von Tony Blair oder Gerhard Schröder und ihren Parteien konnte man das zuletzt ja nicht behaupten.

Wohlwissend um negative Auswüchse des sozialen Wohlfahrtsstaats, um seine mitunter bürokratische Schwerfälligkeit, seine Überfürsorglichkeit, seine architektonischen, stadtplanerischen Fehlleistungen, leitet Judt historisch her, wie viel wir dem sorgenden Staat des 20. Jahrhunderts dennoch verdanken – und wie er so gar nichts gemein hat mit den totalitären Utopien dieses Jahrhunderts, gegen die er nicht zuletzt eine Barriere darstellt. Gewährsleute hat Judt dafür viele, von Adam Smith bis John Maynard Keynes.

Dieses Vermächtnis des 1948 in London geborenen Historikers verdankt sich natürlich auch seinem Hauptwerk, „Postwar: Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“, einer brillanten Sozial- und Geistesgeschichte verbindenden Studie über die Nachkriegszeit und das Ende einer Epoche nach 1989. Und doch lässt sich „Dem Land geht es schlecht“ als Kampfschrift lesen, beginnend mit dem Satz „Irgendwas ist grundfalsch an der Art und Weise, wie wir heutzutage leben“ über knackige Formulierungen wie „Egoismus ist anstrengend“ bis zu Äußerungen wie „Den Benachteiligten bessere Chancen zu geben verringert nicht die Aussichten der ohnehin Bessergestellten.“

Judt dringt hier kurz vor seinem Tod inständigst auf Veränderung, auf eine andere Art zu leben, eine andere Haltung zur Welt. Bezeichnend, dass er mehrmals nachwachsende Generationen ins Spiel bringt, gerade wegen ihres quasi natürlichen Hanges zu Veränderungen, zur Weltverbesserung; sein Buch versteht er als Orientierungshilfe für junge Menschen, „die Einwände gegen unsere Lebensweise artikulieren wollen.“

Dass es so nicht weitergeht, sagen und wissen viele: Finanzkrisen, Massentierhaltung, Klimawandel. Nach Judts Tod sagen das noch mehr Menschen, wissen das viele noch besser, gerade angesichts der jüngsten Ereignisse in der arabischen Welt, in Japan, in Spanien. Gut möglich, dass Tony Judts hochaktuelles, so schnell nicht veraltendes Buch einmal ein Klassiker wird: eine Anleitung dafür, anders zu denken und zu handeln.

Tony Judt

Dem Land geht

es schlecht.

Ein Traktat über unsere Unzufriedenheit. Aus dem Englischen v. Matthias Fienbork. Hanser, München 2011. 190 S., 18, 90 €.

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