Egon Friedell : Das inszenierte Leben

Er war Schauspieler, Journalist, schließlich Historiker: Egon Friedell spielte viele Rollen im Wien seiner Zeit. Doch eine wirklich umfassende Biografie stand bis jetzt aus. Bernard Viel hat diese Lücke gefüllt.

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Chamäleon. Egon Friedell 1918 als Schauspieler in „Aladdins Wunderlampe“.
Chamäleon. Egon Friedell 1918 als Schauspieler in „Aladdins Wunderlampe“.Foto: picture alliance / IMAGNO/Archiv

„Er war 45 Jahre alt und sah aus wie ein mit Elephantiasis behafteter Gymnasiast“ – schmeichelhaft ist diese „Verarbeitung“ Egon Friedells in einem Roman von Jakob Wassermann nicht. Friedell war ein massiger Mann, der selbst die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs ohne größere Gewichtseinbußen überstand. Dass man sich heute noch an ihn erinnert, hat im Wesentlichen zwei Gründe: seine Kulturgeschichte des Altertums und der Neuzeit, ein immer noch gern gelesenes Meisterwerk breitenwirksamer Historiografie, und die Umstände seines Todes. Als im März 1938 zwei SA-Männer in seiner Wiener Wohnung auftauchen, springt Friedell aus dem Fenster seines Schlafzimmers im dritten Stock, nachdem er Passanten noch höflich aufgefordert hat, beiseitezutreten.

Jetzt hat der Berliner Literaturwissenschaftler Bernhard Viel die überfällige Biografie Egon Friedells geschrieben. Ein vielfältiges Leben ist zu besichtigen: Friedell promovierte über Novalis, wandte sich dann dem Kabarett und dem Journalismus zu, schrieb Glossen und Satiren für Karl Kraus’ „Fackel“, verfasste Theaterstücke und machte Karriere als Schauspieler, um sich schließlich dem Privatgelehrtentum zu widmen. Prägend für seine Biografie war zum einen die jüdische Herkunft: Er wurde 1878 als Sohn eines Wiener Tuchfabrikanten geboren, noch in Zeiten der scheinbar gelingenden Assimilation. Zum anderen die Quälerei einer ungeraden Schullaufbahn; später hat er in seiner erfolgreichen Komödie „Goethe im Examen“ mit der Pauker-Pädagogik abgerechnet. Da weiß Goethe über sein eigenes Leben längst nicht so gut Bescheid wie die Studienräte. Für den Schauspieler Friedell selbst war es eine Paraderolle.

Er war Mitte dreißig, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und gehörte anfangs zur Einheitsfront der Kriegsbegeisterten. Der Krieg war eine willkommene Ablenkung, weil Friedell gerade mal wieder unglücklich verliebt war, immer in dieselbe Frau, die notorische Wiener Muse Lina Loos. Er meldete sich als Freiwilliger, es wurde aber nichts daraus, der Musterungsbeamte meinte: „Eine Körpererscheinung, wie Sie sie besitzen, ist bestenfalls einem Major gestattet, und in dieser Charge können wir Sie nicht anfangen lassen!“ Das hat Friedell so überliefert, aber es ist wohl zu pointiert, um nicht erfunden zu sein, wie auch eine angebliche Reise nach Ägypten und andere Ereignisse seines Lebens. Das ist ein Problem für den Friedell-Biografen: Was darf man einem Mann glauben, der sein Leben als Inszenierung verstand? Bernhard Viel geht mit Vorsicht zu Werke.

Schauspielerei und historische Gelehrsamkeit – wie passt das zusammen? Der Schritt von der Bühne zur Weltgeschichte war nicht so weit. Friedells „Kulturgeschichte“ ist eine andere Form des Theaters, eine historische Bühne. Daraus ergeben sich ihre darstellerischen Reize. 1927 erschien der erste Band und wurde sogleich zum Bestseller. Spenglers „Untergang des Abendlands“ hatte den Boden für diesen Buchtyp bereitet, aber Friedells Werk ist kein düsterer Abgesang, sondern eine ungemein leichthändige, inhaltlich weitgehend solide Darstellung. In England, wo es seit je viele Meister der erzählenden Geschichtsschreibung gibt, wurde Friedell als „Shakespeare der Historiografie“ gerühmt. Zehn Jahre später aber hatte er alle Illusionen verloren. Freunde versuchten ihn immer wieder zur Flucht vor den anrückenden Nationalsozialisten zu überreden, aber er hatte wohl schon innerlich resigniert, war zudem ausgelaugt von der Alkoholsucht. „Das Gefühl der Demütigung und des Ausgesetztseins verfolgte ihn bis zum Schluss“, schreibt Viel.

Über Friedells Innenleben schweigt er sich sonst eher aus. Dies ist keine Biografie, die sich einfühlt und in romanhaften Erfindungen ergeht, wenn die Quellen wenig hergeben. Unfreundlich gesagt: Viel riskiert der Erzähler nicht, er klammert sich an Kenntnisse. So ist dies ein Buch der Kontexte geworden, etwa 250 Namen listet das Personenregister auf. Die Doppelmonarchie um 1900, die jüdische Assimilation, Antisemitismus, Fin de siècle und Wiener Moderne mit Größen und Genies wie Hermann Bahr, Peter Altenberg, Otto Weininger, Felix Salten und Hugo von Hofmannsthal, die Kaffeehauskultur und die Psychoanalyse, die Nachwirkungen der Romantik, Hanns Hörbigers Welteislehre und Max Reinhardts Theater in Berlin – unermüdlich breitet Viel Fakten und Einsichten aus, doch wo ist Friedell? Seitenlang wird er kaum erwähnt, man hat ihn sich als Kreuzungspunkt all der Linien, Einflüsse, Horizonte zu denken. Diese Biografie ist über weite Strecken selbst zu einer Kulturgeschichte geraten. In Friedells Sinn wäre es wohl gewesen.

Bernhard Viel: Egon Friedell. Der geniale Dilettant. Eine Biografie. Verlag C.H. Beck 2013, 352 S., 24,95 Euro

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