Kultur : Egoshooter auf Distanz

Sophiensäle: „Die Geschichte vom Soldaten Elik“.

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In seinem früheren Leben gehörte Elik Niv zu einer Elite-Einheit der israelischen Armee. Sein Job war es zum Beispiel, im Zuge der Operation „Schachmatt“ einen Informanten der Hisbollah abzufangen. Und bestimmt hat der Mann während seiner drei Jahre als Soldat noch einiges mehr erlebt, worüber er nicht sprechen darf.

In seinem aktuellen Leben ist Elik zeitgenössischer Tänzer und arbeitet in Berlin. Ein weiter Weg. Landesverteidigung und Kunst haben ja auf den ersten Blick wenig gemeinsam – mal abgesehen davon, dass Nivs Truppe für ihre Kommandos Anträge einreichen musste. Das kennt man auch in der freien Szene. Jetzt steht der Israeli auf der Bühne der Sophiensäle und schlägt die Brücke zwischen seinen beiden Karrieren. Der militärischen und der musischen.

Im Stück „Die Geschichte vom Soldaten Elik“, das der argentinische Komponist, Regisseur und Performer Santiago Blaum entwickelt hat, wird seine Biografie mit Igor Strawinsky „Histoire du Soldat“ mit dem Text von Charles Ferdinand Ramuz verschränkt. Die Wanderbühnen-Moritat für Vorleser, Schauspieler, Tänzer und Musiker entstand 1917, unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte ist beeinflusst von den Märchen Alexander Afanassjews, sie handelt von einem Soldaten, der mit dem Teufel seine Geige gegen ein magisches Buch tauscht, das Reichtümer verspricht.

Nun hat sich seit damals einiges getan. Nicht nur in Hinblick auf den Wunderglauben. Wenig ist übrig vom Stahlgewitter-Pathos des Kampfes Mann gegen Mann, heute erledigt die Fernsteuerung die Drecksarbeit. Weswegen in Blaums Inszenierung der Tänzer Elik Niv vor einem Videoscreen agiert, über den das Egoshooter-Geballer der gängigen Computerkillerspiele flimmert.

Was allerdings noch nicht die Behauptung des Abends einlöst, ein Kommentar „zum 100. Jubiläum des industriellen Krieges“ zu sein. Problematisch auch, dass Eliks in Interviews zu Protokoll gegebene, hochspannende Geschichte durchweg im Bänkelsängerinnen-Stil von der Performerin Eva Löbau vorgetragen wird. Er selbst tanzt nur.

Das folgt zwar Strawinskys Vorlage und führt zu der Pointe, dass Niv am Ende per Video fordert: „Ihr verdammten Dokumentartheater-Macher, gebt mir meine Stimme zurück!“ Aber es raubt erzählerische Kraft. Der Teufel, er steckt hier im Konzept. Patrick Wildermann

Wieder am 2.2., 29./30.3

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