Kultur : Ehe gestiftet, Monarchie gerettet, Fleischerei gegründet

Rudolf Lorenzen eilt im ironischen Schweinsgalopp durchs 19. und 20. Jahrhundert

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Wer das 20. Jahrhundert erlebt hat und noch an Helden glaubt, der kann nicht ganz bei Trost sein. In einer Welt, die das Morden in Schützengräben und Lagern industrialisiert hat, steht der Einzelne auf verlorenem Posten. Der größte heroische Akt ist, sich wegzuducken. Die Bücher von Rudolf Lorenzen handeln von Helden des Rückzugs, die sich dem Marschtritt verweigern und das Tanzen bevorzugen. Polonaisen in Rotlicht-Kaschemmen, Cake Walk und Tangos, Walzer zum „Friesen-Lied“. Arthur Assmussen, eine der Hauptfiguren in Lorenzens Roman „Ohne Liebe geht es auch“, ist ein leidenschaftlicher Tänzer und hervorragender Schütze. Er verachtet den „circensischen Unfug auf dem Kasernenhof“ und macht widerwillig Karriere in der preußischen Armee. Bis er als Offiziersanwärter und Scharfschütze 1914 in einem Schützengraben an der Marne liegt. Er legt sein Gewehr an, erblickt gegenüber aber „keine Ringscheibe, sondern ein Gesicht unter einem Stahlhelm“ – und kann nicht schießen. Später wird er verwundet, das linke Bein muss amputiert werden, und als ihn seine Braut, die er bei einem Tanzvergnügen in der Lübecker Cabaret-Bar „Fledermaus“ kennengelernt hat, in der Klinik besucht, ruft sie: „Das ist doch seine Lösung! Konnte mein Verlobter nicht verbluten?“ Sie heiraten trotzdem und bekommen einen Sohn, Robert. So hieß schon der Protagonist in Lorenzens Roman „Alles andere als ein Held“ (1959).

Mit seinem Debüt setzte Lorenzen einem Meister der Mimikry ein Denkmal, einem Kindskopf, der beschlossen hat „jeder Lage Verständnis entgegenzubringen“ und dank seiner Passivität Drittes Reich und Krieg unbeschadet übersteht. Die Konstellation erinnert an Grass’ „Blechtrommel“, die im selben Jahr herauskam. Nur dass Lorenzen mit der Ironie eines Kempowski erzählt. Wer will, kann in dem Antihelden ein Selbstporträt des Schriftstellers erkennen, der 1922 in Lübeck geboren wurde und, wie Robert, eine Ausbildung zum Schiffsmakler absolvierte. Später arbeitete Lorenzen als Werbetexter – ein Metier, in dem seine hinreißende Wirtschaftswundersatire „Die Beutelschneider“ (1962) spielt – und zog nach Berlin, wo er am 5. Februar seinen 89. Geburtstag feiert.

Mit „Ohne Liebe geht es auch“ reicht er nun die Vorgeschichte zu „Alles andere als ein Held“ nach, einen Familienroman, der sich über vier Generationen erstreckt . Wieder weht der Wind der Geschichte durch die Seiten, besser gesagt: ein Hauch davon. Wir befinden uns auf einem Nebenschauplatz des Weltgeschehens, an der norddeutschen Küste, es treten auf die Nebendarsteller. Erzherzog Ludwig Victor von Österreich, der schwule jüngste Bruder des späteren Kaisers – es hat ihn wirklich gegeben – reist 1864 ins Herzogtum Holstein, wo die Soldaten seines Regiments gerade mit den verhassten Preußen die Dänen besiegt haben. Er will den Pulverdampf der Schlachtfelder riechen, es dürstet ihm nach Ruhm.

Doch Ludwig Victor gelingt nur in der Flensburger Gaststätte „Zum Austernkeller“ eine Eroberung: die Kaltmamsell Christine Kröger, deren „Armee“ das kalte Buffet ist und die über prächtige Waden sowie einen kräftigen Hintern verfügt. Mit ihr verbringt der Erzherzog eine Liebesnacht, dabei entsteht ein Kind, Roberts Urgroßmutter. Ein Brief der werdenden Mutter führt zu diplomatischen Verwicklungen, am Ende wird ihr ein Wurstlieferantensohn als Ehemann vermittelt und eine Geldprämie ausgezahlt. Die Verhandlungsführer freuen sich: „Wir haben eine Ehe gestiftet, einem Kind einen Vater gegeben, eine Monarchie gerettet und eine Fleischerei gegründet.“

Lorenzen neigt zu unterschwellig komischen Sentenzen und prunkvollen Sinnsprüchen, im Schweinsgalopp eilt er durch die Jahrzehnte, um dann bei einer Slapstickszene oder Anekdote zu verweilen. So rekapituliert Roberts Vater das Schicksal seiner Schwester: „Der Verehrer verführte die Schülerin im Sand einer Badestelle. Im Anschluss spendierte er ihr was. Ellen hielt das für Liebe. Wie ein Gentleman übernahm er später die Kosten für eine Abtreibung. Das überlebte meine Schwester nicht.“ Gefühle führen ins Verderben, deshalb glaubt Robert, die Fortpflanzerei in dieser lieblosen Familie müsse irgendwann ein Ende finden. Die Zinnteller-Weisheit, mit der er aufwächst, lautet: „Es geht auch anders, aber ohne Liebe geht es auch.“ Für den Autor gilt das nicht. Lorenzen liebt seine Figuren.

Rudolf Lorenzen: Ohne Liebe geht es auch. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2010. 148 S., 19 €.

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