Kultur : Ehemalige Galerie am Scheunenviertel: Füttern verboten: Künstler im Glas

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Winzig wirkt der Glasschaukasten: 44 Zentimeter breit, 64 hoch, noch dazu steht er auf einem bedenklich wackelnden Sockel. Das hindert erwachsene Menschen nicht daran, sich hineinzuzwängen und sich in ihm zu entblößen. 40 Künstler haben sich für den Fotografen Oliver Möst in einer Museumsvitrine selbst inszeniert. Jeder hatte einen Film, also zwölf Bilder Zeit, die Sitzungen dauerten zwischen einer halben und vier Stunden. Jeweils zwei Bilder sind von ihnen ausgestellt, einige Porträts zeigt Möst in der kompletten Serie von zwölf Bildern. Schon die Art der Selbstinszenierung verrät oft die Kunst der Modelle: Schauspielerin Irene Rindje zum Beispiel stellt ihre Verwandlungsfähigkeit unter Beweis. Erst ist sie ganz Diva, mit graziösen Bewegungen trägt sie eine Tonmasse auf ihre Haut auf. Ein zweites Foto zeigt sie mit angetrockneter Maske und verkniffenem Gesicht, eine böse Hexe, scheinbar um Jahrzehnte gealtert. Der Installationskünstler Golo Gott verwandelt die Vitrine in eine bunte Wiese. Er selbst posiert in diesem Ambiente mit einem geflochtenem Blumenkranz auf dem Haupt - und ist so nur Teil des Interieurs.

Bei einem alltäglichen Ritual zeigt sich Bildhauer Marc Haselbach den Besuchern. Ausgerüstet mit einem Eimer Wasser, Handtuch, Rasierklinge und -schaum enthaart er Kopf und Gesicht, beobachtbar in zwölf Bildern. "Im Feuer das Kind" hat die Schriftstellerin Maike Wetzel mit Lippenstift-Lettern auf die Scheibe gemalt. Andere Künstler spielen mit Zigaretten, Pistolen oder Geldscheinen, sie präsentieren ihre nackten Körper oder nur eine Spiegelung ihrer Selbst im Vitrinenglas. Der Schaukasten ist ein Fenster, das den Blick in das Innere der ausgestellten Personen ermöglicht. Der Betrachter erfährt allerdings nie mehr, als die Vitrinengäste bereit sind, von sich preiszugeben.

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