Ehemaliger DSO-Chefdirigent : Eine fragile Vision von Frieden

Der 79-jährige Vladimir Ashkenazy dirigiert noch einmal in der Philharmonie. Im Zentrum steht ein bewegendes Cellokonzert von Nikolai Mjaskowski.

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Vladimir Ashkenazy war von 1989 bis 1999 Chefdirigent des deutschen Symphonie Orchesters
Vladimir Ashkenazy war von 1989 bis 1999 Chefdirigent des deutschen Symphonie OrchestersFoto: Keith Saunders

Am Ende dieses bewegenden Abends will er partout niemanden vergessen bei seinem Dank. Dafür zieht Vladimir Ashkenazy einen Zettel aus dem Jackett: seine Taschenpartitur zum Aufrufen von Orchestersolisten und -gruppen. Der Dirigent, der im Juli seinen 80. Geburtstag feiert, ist sichtbar glücklich über die Heimkehr ans Pult des Orchesters, das er zehn Jahre lang geleitet hat. Viele Weggefährten sitzen im Publikum, ob ehemaliger Erster Konzertmeister oder Ex-Intendant. Und das Deutsche Symphonie-Orchester legt sich ins Zeug, um den eigenwillig eckigen, stets wie mit hochgezogenen Schultern gegebenen Einsätzen zu folgen.

Ashkenazy, dieser feine Pianist, der nicht mehr öffentlich auftritt, hat sich als Dirigent stets die Leidenschaft des Liebhabers bewahrt. Für ihn existiert kein Sichzurückziehen auf Technik und Routine, jeder Klang muss im Konzert neu geboren werden. Drei Jahrzehnte ist es her, seit Ashkenazy zuletzt mit dem Cellisten Truls Mørk zusammen musizierte. Kaum zu glauben, kann man sie in der Philharmonie doch als Geistesverwandte erleben, als Wahrheitssucher voller Demut, die Zartheit wagen und Gefühle nicht kaschieren müssen.

Ein zutiefst menschlicher Ton

Mit dem selten aufgeführten Cellokonzert von Nikolai Mjaskowski spielen sie ein stilles Werk aus jener Phase des Zweiten Weltkriegs, als sich abzeichnete, dass die Rote Armee Hitlers Invasion zurückschlagen würde. Jubel war offiziell gefordert, doch Mjaskowski konnte aus seiner inneren Emigration nur ein melancholisches Echo auf die blutigen Zeitläufte komponieren. Und gerade darin einen zutiefst menschlichen Ton bewahren. Truls Mørk spielt das, wie man es nur kann, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt hat, was man alles weglassen kann – bis nur noch Unmittelbarkeit übrig bleibt, Gerettetes, Seelenmusik.

Auch Dmitri Schostakowitsch widersetzte sich dem Durchhaltegebot im Angesicht der Kriegsgräuel mit seiner 8. Symphonie, uraufgeführt im November 1943. Der Atem erstarrt, das Herz will aussetzen. Doch Ashkenazy findet einen berührenden Weg, das Zarte vor der Unerbittlichkeit zu schützen, hebt behutsam Soli aus der Stille heraus und entwickelt am Ende sogar eine fragile Vision von Frieden. Das gelingt nur jenen, die offenen Herzens sind. Am Montag wird Vladimir Ashkenazy ein zweites Programm beim DSO dirigieren, mit Werken von Fauré, Chopin und Elgar. Und sich am Abend einen neuen Zettel in die Jackettasche stecken.

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