Ehepaar Humboldt : Ein Forum der Liebe

Hazel Rosenstrauch porträtiert das offene Eheleben von Caroline und Wilhelm von Humboldt.

Ulrike Baureithel
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Caroline von Humboldt. Lithografie von Wilhelm Wach. Foto: AKG

Bill und Li, das klingt nach Rosamunde Pilcher, nicht nach einem Paar, dessen Name für Seriosität steht. Doch Bill und Li, wie sich Wilhelm und Caroline von Humboldt gegenseitig nannten, waren kein gewöhnliches Ehepaar, selbst wenn sie bürgerlichen Ritualen mehr Reverenz erwiesen als die ungestümen Romantikergespanne mit ihren katholischen Seelen. In ihrer Jugend schwärmerisch, später abgeklärter, scharten die kunstsinnigen und sprachbegabten Humboldts nicht nur einen großen Freundeskreis um sich, sondern lebten das, was man heute eine „offene Ehe“ zu nennen pflegt.

Dass dem reformfreudigen Humboldt, der der Berliner Universität Geist und Namen geliehen hat, eine überaus eigenständige Frau zur Seite stand, die mit ihm schreibend und reisend die neuen Lebensräume der Geschlechter arrondierte, zeigt die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch im 292. Band der „Anderen Bibliothek“. Aus den zahllosen, sich den häufigen Trennungen des Paares verdankenden Briefen destilliert sie zwei Charaktere, das den 1866 geborenen Privatgelehrten und Staatsmann in seiner Mehrdeutigkeit und Zerrissenheit vorstellt und die ein Jahr ältere Caroline, geborene von Dacheröden, als Instanz, an der Wilhelm sich beweist: „Dir zu leben und dich zu besitzen“, schreibt er im September 1809 aus Königsberg, sei seine „eigentliche Bestimmung“.

Begegnet sind sich Bill und Li Mitte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts im berühmten Berliner Salon der Henriette Herz. Obwohl Wilhelm eine Abneigung gegen das Heiraten verspürte, warb er um die sozial arriviertere, kluge Caroline. Statt sich aber auf den vorgezeichneten Staatsdienst einzulassen, folgte er seiner jungen Frau nach Thüringen, wo sie auf Kosten des Schwiegervaters zunächst privatisierten. Die Entwicklung der Persönlichkeit schloss nicht nur den täglichen Austausch mit Schiller in Erfurt ein, sondern auch den liebevollen Gatten und Vater: „Ach wie zart ist er in allem, wie so leicht zu behandeln und immer schön in allen kleinen Verhältnissen des häuslichen Lebens“, schreibt die junge Mutter 1791 an Lotte Schiller.

Womöglich wäre dem Paar die Idylle länger vergönnt gewesen, hätten die politischen Turbulenzen in Frankreich nicht auch sie erfasst und das Erbe Wilhelm und Alexander von Humboldt in die Lage versetzt, ihre Lebensträume zu verwirklichen. Von Alexander erfährt man bei Rosenstrauch wenig, dafür nimmt sie ihre Leser mit auf die ausgedehnten Familienreisen, zuerst nach Paris, dann durch Spanien und schließlich nach Rom. Zwischen 1792 und 1809 gebiert Caroline acht Kinder, verliert drei wieder, darunter 1803 den Lieblingssohn Wilhelm.

Anders als sein Freund Georg Forster ließ sich Humboldt von den politischen Ereignissen zunächst nicht aus der Reserve locken. In Paris und in Spanien betrieb er ethnologische Studien und kultivierte den später folgenreichen Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen. Der Entschluss, 1809 doch in den Dienst Preußens zu treten, folgte weniger vaterländischen Gefühlen als dem Bedürfnis, der Nachwelt etwas Achtungswürdiges zu hinterlassen. Bedenkt man, dass Humboldts Dienst als geheimer Staatsrat – an der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress und in London nahm er als Diplomat teil – nur 14 Monate dauerte, sind Leistungen und vor allem Nachruhm beträchtlich. Auch wenn es noch eine Weile dauerte, bis die Berliner Universität sich von seinem Geist beseelen ließ und in der Restaurationsperiode die von ihm vorangetriebene Verfassung (noch) nicht durchzusetzen war, gehört das mit dem Namen Humboldt verbundene humanistische Bildungsideal zu einem der erfolgreichsten geistigen Exportgüter aus deutschen Landen.

Was die Beziehung zu seiner Frau betrifft, haben die beiden die bürgerliche Geschlechterideologie in der Weise gelebt, dass Humboldt die Erhöhte und Verehrte floh und seine Nachtseiten ganz traditionell in Liebschaften und Bordellen ausagierte. Gleichzeitig erlaubte Humboldts Bildungsmaxime nur einen Dialog auf Augenhöhe, der für die Zeit keineswegs selbstverständlich war wie der Vergleich mit „Lolo“ Schiller zeigt.

Der sensiblen und historisierenden Lesart der Biografin aber ist es zu verdanken, dass sowohl Wilhelms Sonderlichkeiten als auch Carolines politische Entgleisungen – sie offenbarte nach 1806 antisemitische Ressentiments – zwar nicht entschuldigt, aber doch verständlich werden. Auch das Humboldt-Paar ist kein Ideal, sondern ein Stück gelebte und widersprüchliche Vergangenheit.

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt. Eichborn Verlag Frankfurt a. M. 2009. 333 Seiten, 24,95 €.

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