Kultur : Ehre sei Gott in der Höh’

KLASSIK

Ulrich Amling

Wer sich zu Neujahr auf die Straßen der Stadt wagt, pflegt zumeist sehr spezielle Vorlieben. Durch stechende Schwefelschwaden, vorbei an vereinzelten Querschlägern, über Felder zerscherbter Sektflaschen führt der wackelige Weg der Ausnüchterung. Und eine Klarheit keimt auf, die bereit ist, für einen ersten Funken Begeisterung, eine Sternschnuppe der Hingabe. Zum Glück gibt es für dem Kater entronnene Wanderer eine feine, feste Adresse: das Neujahrskonzert des Rias-Kammerchors in der Philharmonie . Bereits zum zwanzigsten Mal verleiht das strahlende Vokalensemble dem neuen Jahr die passende Stimmung, völlig ohne Balletteinlage und Walzertakt. Diesmal versetzten die Sängerinnnen und Sänger unter Leitung des estnischen Dirigenten Tonu Kaljuste mit samtweichem Druck selten gespielte Werke von Mozart und Beethoven von der zweiten in die erste Reihe. Weitaus organischer als das die Konzertpodien dominierende Requiem schwingt sich Mozarts Salzburger „Vesperae solennes de confessore“ in ernste, zart aufgeraute Höhen empor. Elegante Variationen tauchen das „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“ in immer neues, farbiges Licht. Weniger bombastisch, weniger grimmig als seine „Missa solemnis“ – und doch bewegend von den ersten noch suchenden Takten an entfaltet sich Beethovens C-Dur-Messe. Rias-Kammerchor , die Akademie für Alte Musik und das Solistenquartett (berührend: Annette Dasch und Hanne Fischer, zweckdienlich: Kresimir Spicer und Hanno Müller-Brachmann) beschritten mit agiler Innigkeit den Weg zur Bitte um Frieden. „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden den Menschen.“ In Zeiten verbaler Generalmobilmachung ein faires, unwiderstehliches Angebot.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben