Kultur : Ehre und Emanzipation

8. März? Heute ist Internationaler Frauentag

Caroline Fetscher

Einen Monat und einen Tag ist es her, dass die 24-jährige Hatun Sürücü in Berlin, vermutlich von einem ihrer Brüder, getötet wurde. In den Augen ihrer Sippe hatte diese Frau, Mutter eines kleinen Jungen, „die Familienehre beschmutzt“. Viele Tage dauerte es, bis unsere Medien sich vorwagten auf die türkischen Tabuinseln einer demokratischen Gesellschaft, um den „Ehrenmord“ als Thema zu erkennen – einen Typus Mord, den deutsche Gerichte gelegentlich als „kulturell bedingt“ mit mildernden Umständen bedacht hatten. Jetzt entdecken wir, dass solche Gräueltaten öfter vorkommen, und es kommen sogar weibliche, türkisch-deutsche Intellektuelle zu Wort, die couragiert dazu forschen. Am Sonntag demonstrierten in Berlin eintausend Leute gegen den Vorrang derartiger „Ehre“ vor dem Leben. Heute, am Internationalen Frauentag, wird das Thema wohl noch mal aufflackern, bevor es wieder erlischt.

Es ist die Zeit der Jubiläen: Vor dreißig Jahren tagte in Mexiko die erste Weltfrauenkonferenz, vor zehn Jahren verpflichteten sich auf der UN-Frauenkonferenz in Peking Regierungen aus aller Welt dazu, den Anteil an Frauen im Parlament zu erhöhen und mehr in die Bildung von Mädchen zu investieren. Seither ist der Anteil von Parlamentarierinnen auf dem Globus von elf auf fünfzehn Prozent gestiegen. Drei Prozent in zehn Jahren . . .

Fotos von Gipfeltreffen bieten weiterhin überwiegend Krawattengruppen mit ein, zwei Frauen als farbigen Einsprengseln. Am krassesten sticht sich die Zweitrangigkeit von Frauen in muslimisch geprägten Ländern und Gesellschaftsgruppen hervor, wie etwa in Pakistan, wo eben eine Gruppe von Vergewaltigern freigesprochen wurde, weil sie mit ihrer Tat an einer unschuldigen Frau die „Ehre“ einer Familie und das Verbrechen von deren Bruder rächen wollten.

Verlangsamt wird das Aufwachen aus dem archaischen Albtraum, der die Welt in zwei biologische Sorten von Menschen einteilt, durch eine Liaison von seelischer Trägheit mit ideologischer Blindheit. Gern prangern etwa heute der europäische wie der muslimische Mainstream Amerikas Einsatz für Demokratie und Menschenrechte an. Dabei beendete er die Gender-Apartheid der Taliban – die bei uns auch nie Anlass einer Kundgebung war – und will für Frauen wie Männer in der gesamten arabischen Welt mehr demokratische Rechte erwirken. Aber das Beharren auf „Traditionen“ wie auch das ideologische Arbeiten mit Stoffstücken wie Kopftüchern oder Palästinensertüchern gelten inzwischen oft als Zeichen des Widerstands gegen den „Hegemon“. Solcher Mainstream verkauft falsche Toleranz und politische Ignoranz, die voll im Dienst des Rückschritts stehen, als Rebellion und Fortschritt. Unterwerfung als Befreiung? Eine groteske Volte, die negativste Dialektik in der bisherigen Geschichte der Emanzipation. Glücklicherweise erweist sich die trotz alledem als unaufhaltsam, sogar in den Zeiten der Schnecke.

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