Kultur : Ehrendirigent

Kurt Masur mit dem Philharmonia Orchestra.

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Monument. Kurt Masur, aufgenommen vergangenen September in Leipzig. Foto: dapd Foto: dapd
Monument. Kurt Masur, aufgenommen vergangenen September in Leipzig. Foto: dapdFoto: dapd

Das Pathetische liegt dem Wesen des Kapellmeisters Kurt Masur fern. Dazu passt, dass er den vielumstrittenen Beckenschlag in der siebenten Symphonie von Bruckner nicht will. Mit dem Londoner Philharmonia Orchestra kommt er nun in die Philharmonie, der Kosmopolit aus Schlesien, 84 Jahre alt, gezeichnet von der Parkinson-Krankheit. Es fällt schwer, ihm zuzusehen, wenn er mit zitternder Hand die Notenblätter des Cellokonzerts von Schumann wendet. Vielleicht bewegt ja die Angst vor dem Umblättern auch eher seine Zuschauer, als dass der Dirigent sie fühlt. Zusammen mit dem vorbildlich reagierenden Solisten erreicht er eine gespannte Aufmerksamkeit, die nicht größer sein könnte, die mit der Aura von Labilität zu tun hat.

Daniel Müller-Schott nimmt das Konzert weniger philosophisch als Johannes Moser im letzten Herbst: mehr schöner Gesang auf dem Cello als Nachdenken über Musik, aber viel Intensität des Tons in der Geradheit seiner Gestaltung.

Die Bruckner-Symphonie hat Masur im Kopf. Das bedeutet mehr physische Freiheit. Er ist schmal geworden und vorsichtig im Gang, der „Retter von Leipzig“, der ehemalige Musikchef der Komischen Oper, des Gewandhauses, der New Yorker Philharmoniker, des Orchestre National de France, Maestro und Conductor emeritus quasi der ganzen Welt. Seinem Terminkalender zufolge hat er beängstigend viel vor. Und seine Bruckner-Interpretation ist die Summe der Erfahrung, erworben auch mit den Londoner Musikern als deren Principal Conductor. Der agile Konzertmeister scheint um sein Leben zu spielen, indem er Masurs Intentionen vermittelnd aufnimmt. Das Orchester folgt professionell dem Ideal des Dirigenten, das die „New York Times“ einmal als den „süßen Klang“ gerühmt hat.

Bruckners beliebtestes Werk, komponierte Trauer um den Tod Richard Wagners, Masurs reines Musizieren, traditionell, verinnerlicht, unpathetisch – ein Abend, heikel und berührend, den das Publikum voller Respekt, mit Standing Ovations aufnimmt. Sybill Mahlke

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