Ehrenmal der Bundeswehr : Pathos der Opfer

Die Unfähigkeit zu gedenken: Künstlern und Architekten fehlen die Mittel. Eine Ausnahme ist das Ehrenmal der Bundeswehr.

Falk Jaeger
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Wo Worte versagen. Blick in den Innenraum des Ehrenmals der Bundeswehr im Bendlerblock, das diese Woche eingeweiht. -Foto: dpa

Die deutsche Hauptstadt tut sich schwer mit dem Gedenken. Kein geplantes Mahn- oder Denkmal bleibt unumstritten. Über Denkmäler für verfolgte Sinti und Roma oder Schwule zum Beispiel wird mehr gezankt als gedacht. Bundeskanzler Helmut Kohls Anordnung, im Schinkel-Tessenowschen Ehrenmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, der Neuen Wache, eine auf Überlebensgröße aufgepumpte Version der Pietà von Käthe Kollwitz aufzustellen, rief seinerzeit nicht nur in der Akademie Entrüstung hervor. Die „Topographie des Terrors“ war lange eine quälende Hängepartie, bis man sich zu einer harmlosen Minimallösung ohne den Stararchitekten durchrang, die derzeit gebaut wird. Gedenkstätten rufen Bedenkenträger auf den Plan.

Derlei Probleme kannte die Kaiserzeit nicht. Ob Bismarcktürme allüberall im Reich, ob Schlachtenverherrlichung oder Gefallenenehrung, Denkmale gehörten gewissermaßen zum gängigen Repertoire der Stadtmöblierung. Wie sie auszusehen hatten, auch darüber bestand Konsens: sehr gerne pathetisch, bei entsprechender Bedeutung auch mit figürlichen Darstellungen in heroischer Pose. Paradebeispiel im Wortsinn: das Nationaldenkmal auf der Schlossfreiheit in Berlin, ein monumentales Reiterstandbild Wilhelms I. von „Hofbildhauer“ Reinhold Begas, umfangen von einer prächtig geschmückten Säulengalerie, bevölkert von allerlei Wappengetier und Quadrigen. 1949 vom DDR-Regime abgetragen, erinnert heute nur noch die 2400 Quadratmeter große Grundplatte an die opulente imperiale Gedenkkulisse und ist als Standort für das Einheitsdenkmal vorgesehen.

Die Gestalter von Denkmalen, Ehrenmalen sehen sich im Dilemma. Gedenken an Gefallene, Ermordete, an Opfer und Helfer ist großes Gefühl. Schauer, Furcht, Mitleid, Betroffenheit, Ohnmacht und all die anderen Emotionen, die mit dem Gedenken verbunden sind, können jedoch durch heutige Architektur nicht ausgedrückt oder hervorgerufen werden. Auch die zeitgenössische Kunst scheint nicht mehr die Mittel an die Hand zu geben, dem Angedenken eine sinnstiftende Form zu geben.

Die Architektur hat – paradoxerweise – mit dem vor 100 Jahren erhobenen Postulat des „modernen Zweckbaus“ die Fähigkeit verloren, Archetypen auszubilden, deren Zweck allen Menschen beim ersten Blick eingängig ist. Die besondere Form, die Bedeutung oder gar Gefühle ausdrückt, war in die Sphäre der Kunst verwiesen. Adolf Loos, der Hohepriester der modernen Architektur, sprach dem Bauen, das er als Zweckerfüllung sah, die Kunsteigenschaft gänzlich ab: „Nur ein ganz kleiner teil der architektur gehört der kunst an: das grabmal und das denkmal. Alles andere, was einem zweck dient, ist aus dem reiche der kunst auszuschließen“, schrieb er 1910. Den Kirchenbau hatte er übrigens nicht mehr im Blickfeld, wohl aber Hans Poelzig 1924: „Die Kunst fängt erst da an, wo man für den lieben Gott baut.“

Wir leben inzwischen wieder mit einem erweiterten Architekturbegriff und sprechen neuerlich von Baukunst. Dennoch, zeitgenössische Architektur weiß nur ein einziges großes Gefühl auszudrücken: Pathos. Aber gerade das Pathos zu bauen ist heutzutage genauso wenig opportun wie Heldentum. Wir gedenken der Opfer, nicht der Helden.

Betrachtet man die Möglichkeiten der Bildenden Kunst, so erweisen sich auch deren Möglichkeiten, Gefühle auszudrücken, als begrenzt. Die Künstler des 19. Jahrhunderts haben mit realistischer Szenerie gearbeitet, bis hin zur eindrücklichen, oft theatralischen Mimik der dargestellten Figuren. Nachdem die Bildende Kunst durch das Fegefeuer der Abstraktion gegangen ist, können Gefühle nicht mehr unmittelbar transportiert werden, sondern werden über vage sinnliche Empfindungen der Atmosphäre, der Stimmung vermittelt, oder auf dem Umweg über die Ratio, etwa durch Inschriften, Symbolik und dergleichen. Figürliche Darstellungen gelten als altmodisch oder als heikel. Ein Alfred Hrdlicka mit seinen aufwühlenden Skulpturen wie beim Wiener Mahnmal gegen Krieg und Faschismus erfährt weitgehend Akzeptanz, bleibt aber Einzelfall. Ein Jeff Koons mit noch realistischeren Darstellungen bewegt sich schon außerhalb gängiger Konventionen. Letztlich bleibt aber das Problem, dass sich zeitgenössische Künstler, im Zwang aktueller Konventionen, sich des Realismus zu enthalten und Figürliches zu verfremden oder zu abstrahieren, aus dem Akzeptanzbereich des allgemeinen Publikums entfernen. Gedenkstätten aber richten sich an das allgemeine Publikum.

So grenzte es an die Quadratur des Kreises, wenn etwa beim Einheitsdenkmal Erhabenheit, Strenge, Staatstragendes und Pathos vermieden werden sollten, wenn aber ein „neues Verständnis von Deutschland“ zu transportieren war und wenn das Denkmal in die Zukunft weisen sollte. Womit ein Franzose, ein Amerikaner, ein Engländer oder gar ein Italiener kein Problem hätte, Pomp und architektonisches Pathos, ist hierzulande stigmatisiert. Was man vor einem Jahrhundert mit großem Ernst aufnahm, wirkt heute rasch überzogen oder gar lächerlich. Nicht einfacher ist es mit den figürlichen Darstellungen, die schnell als abgeschmackt oder peinlich abqualifiziert sind.

Und so konnte man aus den eingegangenen Wettbewerbsbeiträgen für das Denkmal der Einheit ein Kuriositätenkabinett zusammenstellen, mit allerlei Zahlensymbolik, wehenden Fahnen, ewigem Licht oder schreienden Schriftzügen „Freiheit“ in Hausgröße (mehrmals) bis hin zur überdimensionalen goldenen Banane als narratives Symbol der Einheit.

Doch viele Bearbeiter flüchteten sich in die Abstraktion, formten mehr oder weniger elegante Schleifen à la Zaha Hadid oder gekrümmte Wände frei nach Richard Serra. Foster wurde zitiert mit seinem Tankstellendach für den Reichstag, Mies van der Rohe musste herhalten, die Grande Arche in Paris, auch Eisenmans Stelenfeld wurde als Replik angeboten. Sehr beliebte war auch die Kugel, als Bedeutungsträger seit Goethes Denkmal von 1777 und den Entwürfen der französischen Revolutionsarchitekten fast universell zu verwenden. Beim Einheitsdenkmal tauchten sie in mannigfaltiger Ausführung auf, auch als Zyklopenpuzzle, das sich zur Ideal(Einheits-)form zusammenschieben lässt.

Von den bemüht symbolischen, bildhaft-anschaulichen oder didaktischen Entwürfen fühlen wir uns nicht auf ernsthafte Weise angesprochen. Den auf fast beliebige Weise abstrakten Entwürfen indes fehlt kommunikationstechnisch gesehen zwischen Sender und Empfänger das Transportmittel, der Bedeutungsträger.

Wie ein Erinnerungsort auszusehen habe, wusste man im 19. Jahrhundert genau. Die Denkmale bevölkern unsere Städte, jedenfalls in den Stadtquartieren aus jener Zeit. Heute sind Denkmale von Stadtkunstwerken kaum zu unterscheiden. Einen akzeptablen Ausweg zeigt das gestern eingeweihte Ehrenmal der Bundeswehr. Es ist ein Ort, der durch seine ungewohnte Form aufmerksam macht, vielleicht sogar irritiert. Verhaltenes Pathos spricht aus den monumentalen Pfeilern. Das Material – Bronze – und die Farbgebung – fahl schimmerndes Gold – sowie die Räumlichkeit mit dem dunklen „Raum der Stille“ schaffen eine Atmosphäre, die aufnahmebereit machen soll für die Symbolik und die vermittelte Information. Erst über diese semantische Brücke wird das Gedenken, wird die Betroffenheit evoziert. Danach folgt (im besten Fall) die Einnahme oder Stärkung einer moralisch gefestigten Haltung, die zur Entschlossenheit führt, den Ursachen des erinnerten Unheils entschieden entgegenzutreten. Womit das Ehrenmal seinen Zweck erfüllt hätte.

Nur wenigen zeitgenössischen Gedenkstätten glückt dieser Transfer. Die nüchternen Baulichkeiten der „Topographie des Terrors“ werden es möglicherweise schwerer haben, die Menschen emotional anzusprechen, als das der Bau von Peter Zumthor getan hätte.

Dem Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman gelingt es über die architektonische Sensation, die Besucher auf den Besuch des eigentlichen Gedenkorts im Untergeschoss vorzubereiten. Im Jüdischen Museum ist dieser Moment beklemmend spürbar, wenn beim Betreten des „Void“ jedes Gespräch erstirbt. Es ist ein von dem Architekten Daniel Libeskind mit einer besonderen Stimmung ausgestatteter Raum, wie ihn auch Siegfried Kracauer 1931 bei der Betrachtung des durch Heinrich Tessenow in Schinkels Neuer Wache Unter den Linden eingebauten Gedenkraums pries: „Nicht die beflissene Darstellung eines Gehalts ist geboten – was wissen die meisten Menschen heute vom Tod? –, sondern die äußerste Enthaltsamkeit ihm gegenüber. Eine Gedächtnisstätte für die Gefallenen im Weltkrieg: sie darf, wenn wir ehrlich sein wollen, nicht viel mehr als ein leerer Raum sein.“ Andreas Meck, der Architekt des Bundeswehr-Ehrenmals, hat seinen Kracauer gelesen.

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