Ehrenrettung für einen Nachbarn : Königreich Fritannien

Nach den Bombenattacken von Brüssel: Ist Belgien Murks und Chaos? Es ist ein Europa im Modell – stets kreativ.

Bernd Müllender
Er wohnt in Brüssel und hat schlechte Laune. Benoit Poelvoorde als Gott in einer Szene aus „Das Brandneue Testament“. Der belgische Film läuft in Berlin noch in den Kinos b-ware! und Cosima. Foto: Kris Dewitte/picture alliance/dpa
Er wohnt in Brüssel und hat schlechte Laune. Benoit Poelvoorde als Gott in einer Szene aus „Das Brandneue Testament“. Der...Foto: Kris Dewitte/picture alliance/dpa

Was wird nach den Bombenattacken von Brüssel auf die Belgier geschimpft: Justiztölpeleien, Zuständigkeitswirrwarr, das lähmende Gift des Sprachenstreits zwischen Flamen und Wallonen, verschnarchte Polizisten, Bürokratiehölle, fehlendes Katastrophenmanagement, vergammelte Atomkraftwerke. Erst diese Mischung aus Deppistan und Absurdien, heißt es empört, habe den 22. März möglich gemacht. Ein ganzes Land steht unter indirektem Terrorverdacht.

Aber wenn Unfähigkeit in der Verbrechensbekämpfung typisch für unseren westlichen Nachbarn ist, dann haben deutsche Behörden, angeblich bestorganisiert, zuletzt phänotypisch belgisch gehandelt: siehe die Polizei an Silvester in Köln. Siehe Geheimdienste und Ermittler bei den NSU-Morden.

Belgien ist, bei allem schrecklichen Behördenversagen, eine Blaupause für Vorurteile. Sprachenstreit jedoch bedeutet im Alltag Sprachenvielfalt. Belgien ist umfassend bilingual. Viele Einwohner beherrschen fließend zwei Sprachen, manche drei oder vier. Das ist vorbildlich in einem um Einigkeit ringenden Europa, eine innere Integration über die Sprache, wie wir sie von den Migranten fordern. In Belgien müssen sich seit Jahrzehnten sehr verschiedene Kulturen (mit fast 30 Prozent Migrationsanteil) auf engstem Raum arrangieren. Der Brüsseler Schriftsteller Geert van Istendael („Das belgische Labyrinth“) sagte schon vor 15 Jahren: „Belgien zeigt die riesigen Probleme Europas auf kleinem Raum. Deswegen sind wir ein Modell Europas, wie eine Märklin-Eisenbahn.“

Belgien steht für Verhandlungen, Kompromisse, immerwährendes Ringen und Improvisationstalent. 2010/2011 gelang der Nachweis zeitgemäßer Anarchie, war das Land mit 11,2 Millionen Einwohnern doch 541 Tage ohne Regierung und funktionierte trotzdem. Weltrekord!

In Brüssel entstand das "Kommunistische Manifest" - und das Design für den Euro

Womit wir bei den ruhmreichen Belgiern wären, schließlich ist es höchste Zeit für eine Ehrenrettung dieses grob unterschätzten Staatengebildes mit seinem wachen Erfindergeist, seinen Skurrilitäten und Vorbildern. Hier also eine schnelle, bei Weitem nicht vollständige Liste all derjenigen Belgier, die sich um die Welt verdient gemacht haben.

Schon Frankenkönig Karl der Große kam nicht in Aachen zur Welt, sondern wahrscheinlich auf heutigem belgischen Boden, Historiker vermuten in Herstal bei Lüttich. Im Brüsseler Exil schrieben Karl Marx und Friedrich Engels das „Kommunistische Manifest“, die heutige Rue de la Révolution wurde den Flamen früher – so viel zur Sprachenvielfalt – als Opstandstraat, also Aufstandstraße nahegebracht. Heute verlangt Brüssels Bilingualität zweisprachige Straßenschilder: Sie heißt jetzt Omwentelingstraat, Umwälzungsstraße. Was Marx dazu sagen würde?

Apropos Politik: In den Ardennen steht seit über 200 Jahren das Gasthaus Baraque Michel. Es dürfte sich um den weltweit einzigen Ort handeln, der die Namen des amtierenden US-Präsidenten und seiner Frau vereint. Bei der Wahl war Barack Obama 48, Michelle 45 – und die Postleitzahl von Baraque Michel? 4845. Darauf eine La Caracole Nostradamus! Dieses schwarze Starkbier hat 9 Prozent Alkohol. Für das Bierland mit der größten Brauerei der Welt (InBev) und den meisten Sorten (über 500) ein mittelheftiger Wert.

Mysteriös auch die belgische 1-Euro-Münze mit dem Konterfei des früheren Königs Albert II. Lässt man das Geldstück kreiseln, müsste sie, der Logik des Zufalls folgend, wie alle anderen 1-Euro-Münzen zu jeweils 50 Prozent auf Kopf oder Zahl fallen. Sie zeigt aber zu 62 Prozent Kopf, den König. Ballistiker, Numismatiker, Physiker und Chemiker können das Phänomen bis heute nicht erklären. Ohne die Belgier gäbe es den Euro ohnehin nicht: Der Name stammt von Germain Pirlot, das Design von Alain Billiet.

Jacques Brel wurde im gerade zu traurigem Ruhm gelangten Brüsseler Stadtteil Schaerbeek geboren

Gewürzspekulatius, Waffeln, Pralinen (das Hohlformverfahren wurde 1912 von Jean Neuhaus kreiert): alles belgischen Ursprungs. Es waren Maas-Fischer bei Namur im 17. Jahrhundert, die in fischarmen Zeiten nicht ihren Fang in heißes Fett warfen, sondern Kartoffelstangen – die Geburtsstunde der Pommes frites. Und kaum ein Land der Welt hat im Vergleich zur Größe mehr Sternerestaurants – dabei stehen bei fast allen Sterneköchen gegen jeden kulinarischen Welttrend Fritteusen in der Küche. Belgische Fritten werden übrigens in Rinderfett gebraten statt in billigem Palmfett wie bei uns.

Und erst die Musik! Orlando di Lasso, einer der größten Renaissance-Komponisten, stammt nicht aus Italien, sondern aus Mons, und Jacques Brel ist kein französischer Chansonnier, sondern er wurde im gerade zu traurigem Ruhm gelangten Brüsseler Stadtteil Schaerbeek geboren. Django Reinhardt, der Vater des Gypsy Swing, ist ein Sohn des Örtchens Liberchies bei Charleroi. Georges Simenon, einer der erfolgreichsten Schriftsteller aller Zeiten: ein Scheinfranzose. Er stammt in Wahrheit aus Lüttich.

Das belgische Autorenfilmwunder macht seit Jahren auf den internationalen Filmfestivals von sich reden, mit Werken der Dardenne-Brüder, Jaco von Dormael, Benoît Poelvoorde oder Bouli Lanners. Hier entstehen die skurrilsten Filme des ganzen Kontinents, und hochpolitisch sind sie auch noch. Allein „Saint Amour“ von Gustave Kervern und Benoît Delépine, kürzlich auf der Berlinale: der Brüller des Jahres. Im Theater und Tanz waren Flamen seit den 1980er Jahren die Avantgarde: Jan Fabre, Anne Teresa de Keersmaeker. Das Berliner Hebbel am Ufer hat eine belgische Intendantin, Annemie Vanackere, und die Volksbühne bekommt mit Chris Dercon einen belgischen Europäer als Chef.

Schlittschuhe, Audiocassette, Neoprenanzug und elektrische Straßenbahn - alles aus Belgien

Nicht zu vergessen, Belgien ist das Comic-Land Nr.1. Hergé, der Erfinder von Tim und Struppi, stammt aus Etterbeek. Und der Erfinder von Lucky Lukes Western-Abenteuern heißt Maurice de Bevere, Künstlername Morris, geboren in Kortrijk. Malen hat Tradition hier, man denke nur an Rubens, Ensor, Magritte.

Eddy Merckx, der größte Radrennfahrer aller Zeiten, überstrahlt im Sport alle. „Der Kannibale“, so genannt wegen seines Siegeshungers, gewann seine erste Tour de France am gleichen Tag, als irgendein Amerikaner als Erster auf dem Mond herumtrampelte. Belgische Trainergenies haben im Fußball in den späten 70er Jahren die Abseitsfalle erfunden. Die aktuelle Nummer eins auf der Fifa-Weltrangliste: die junge belgische Nationalmannschaft.

Hier wurden die Schlittschuhe erfunden, der Impfstoff gegen Keuchhusten, der Neoprenanzug. Elektrische Klingel, elektrische Straßenbahn, der moderne Straßenasphalt, die Audiocassette, der Kunststoff Bakelit – alles belgischen Ursprungs. Glaubt man dem Kino, ist sogar die ganze Welt in Belgien erschaffen worden. „Das brandneue Testament“ legt das nahe, noch so ein komischer belgischer Film, der letzten Winter auch in den deutschen Kinos lief und mancherorts immer noch läuft. Untertitel: „Gott existiert. Er wohnt in Brüssel.“

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